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Die digitale Abrissbirne - der KI-Wahn von Medienhäusern droht, unser kollektives, digitales Gedächtnis zu killen
Man muss das Internet einfach lieben. Es ist der einzige Ort, an dem ein Systemfehler mit einem noch größeren Systemfehler „repariert“ wird. Das neueste Drama auf den Tech-Bühnen: Große Medienhäuser sperren reihenweise das Internet Archive und seine legendäre Wayback Machine aus. Warum? Weil sie panische Angst vor Künstlicher Intelligenz haben. Dass sie sich damit das wichtigste Werkzeug für die eigene Arbeit nehmen und ganz nebenbei das digitale Gedächtnis der Menschheit sprengen, ist wohl ein akzeptabler Kollateralschaden. Kann man sich nicht ausdenken.
Der Feind meines Feindes ist... mein Archiv?
Der Hintergrund ist ein absurder Konkurrenzkampf. Medienkonzerne sind – verständlicherweise – stinksauer auf Tech-Giganten wie OpenAI oder Google. Diese greifen seit Monaten massenhaft journalistische Inhalte ab, um ihre Sprachmodelle zu füttern. Ohne zu fragen, ohne zu bezahlen und natürlich unter völliger Ignoranz der guten alten robots.txt.
Da die KI-Firmen die Stoppschilder der Verlage ignorieren, haben sich findige Tech-Köpfe gedacht: „Hey, warum der Umweg über die Live-Seiten? Klauen wir die Daten doch einfach direkt aus dem Internet Archive!“ Und tatsächlich: Das Archive wurde zeitweise mit Zehntausenden Anfragen pro Sekunde von gierigen KI-Bots bombardiert, was die Server der gemeinnützigen NGO regelrecht in die Knie zwang.
Die Reaktion der Verlage? Ein strategisches Meisterwerk der Kategorie „Ich zünde mein Haus an, damit die Einbrecher im Dunkeln frieren“. Anstatt die KI-Räuber juristisch oder technisch direkt zu jagen, sperren sie die Wayback Machine aus. Laut einer Analyse des Nieman Journalism Lab an der Harvard University blockieren mittlerweile über 340 Nachrichtenseiten den Archiv-Crawler – Tendenz rasant steigend. Branchenriesen wie die New York Times, The Guardian oder Le Monde machen munter mit.
Realsatire pur: Die Axt im eigenen Walde
Besonders skurril wird es, wenn man sich die handfeste Heuchelei dahinter anschaut. Die Electronic Frontier Foundation (EFF) brachte es treffend auf den Punkt: Das ist so, als würde ein Zeitungsverlag verbieten, dass Bibliotheken gedruckte Ausgaben seiner Blätter aufbewahren.
Noch schöner ist das Beispiel des US-Zeitungskonzerns USA Today. Erst vor Kurzem feierte das Blatt eine fette Enthüllungsstory darüber, wie die US-Einwanderungsbehörde ICE systematisch Daten manipulierte und vertuschte. Wie wurde das bewiesen? Richtig, über die Wayback Machine. Und was macht derselbe Medienkonzern kurz darauf? Er sperrt das Archiv für seine eigenen Seiten. Man beraubt sich also genau des Werkzeugs, ohne das die eigene investigative Arbeit im digitalen Zeitalter oft überhaupt nicht mehr möglich wäre. Applaus dafür.
Wenn Artikel durch Linkfäule verschwinden, Agenturen fusionieren oder Inhalte aus Kostengründen gelöscht werden, bleibt die Wayback Machine oft die einzige gerichtsfeste Instanz, um die Wahrheit zu rekonstruieren. Bricht dieser Anker weg, bricht die Beweismittelkette des offenen Webs zusammen. Aber Hauptsache, die KI kriegt nix. Dass die großen Player längst exklusive Millionen-Deals mit OpenAI und Co. abschließen, um ihre Daten direkt zu verkaufen, setzt dem Ganzen die Krone auf. Der kleine Lokaljournalismus wird geopfert, während die Großen Kasse machen.
Das Archive am Pranger – Ein koordiniertes Sterben?
Man muss fairerweise sagen: Das Internet Archive steht nicht erst seit dem KI-Hype mit dem Rücken zur Wand. Die Plattform gleicht einer digitalen Zielscheibe. Da war ein fetter Hackerangriff im Jahr 2024, bei dem Millionen Nutzerdaten abgefischt wurden. Schlimmer wiegen jedoch die juristischen Keulen der Content-Industrie.
Erinnern wir uns an den Urheberrechtsstreit Hachette v. Internet Archive, bei dem Buchverlage das gemeinnützige E-Book-Verleihprogramm während der Pandemie in Stücke klagten. Das Resultat: Über eine halbe Million digitaler Bücher mussten gelöscht werden, garniert mit drohenden Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe.
Und weil man eine am Boden liegende NGO so schön weiter treten kann, läuft parallel die nächste absurde Nummer: Musikgiganten wie Sony Music und Universal Music fordern schlanke 700 Millionen Dollar Schadensersatz vom Internet Archive. Der Grund? Das Archive hat im Rahmen des „Great 78 Project“ historische, uralte Schellackplatten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts digitalisiert. Wohlgemerkt: Aufnahmen, die im Handel seit Jahrzehnten nicht mehr existieren und ohne diese Rettung verrotten würden. Aber bevor Kultur frei zugänglich ist, klagt man sie lieber in die Vergessenheit.
Wir brauchen eine echte Infrastruktur statt Naivität
Der aktuelle Blockade-Irrsinn zeigt das grundlegende strukturelle Versagen unserer digitalen Welt. Wie der Medienjournalist Martin Fehrensen richtig bemerkt hat: Dass das digitale Gedächtnis der gesamten Menschheit im Jahr 2026 immer noch an einer einzigen, unterfinanzierten NGO in San Francisco hängt, ist das eigentliche Armutszeugnis.
Web-Archivierung darf kein Hobby-Projekt sein, das von Verlagen und Labels nach Gutdünken torpediert werden kann. Es gehört als schützenswerte, öffentliche Infrastruktur behandelt. Was wir dringend brauchen, ist ein rechtlicher Sonderstatus für digitale Archive und ein sauberer technischer Dialog. Eine glasklare Trennung zwischen „Ich sichere das Netz für die Nachwelt“ und „Ich bin ein kommerzieller KI-Bot, der Daten absaugt“.
Wenn wir das nicht hinkriegen, löschen wir schrittweise unsere eigene Zeitgeschichte. Und das alles nur, weil ein paar Verlags-CEOs im Panikmodus nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden können.
08.06.2026
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