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Myspace kommt zurück - schon wieder

Myspace-Comeback 2026?Ist das ein Sprung in der Matrix oder ist das wirklich was dran? Chris und Tim Vanderhook, die Brüder, denen MySpace seit ein paar Jahren gehört, haben in einer neuen Dokumentation über die Geschichte des Netzwerks öffentlich bestätigt: Sie wollen die Plattform zurückbringen. Nur eben nicht heute. Und auch nicht nächste Woche. Sondern irgendwann, wenn der Zeitpunkt stimmt.

Für alle, die 2003 noch nicht geboren waren oder das ganze Kapitel einfach verdrängt haben: Myspace war das erste soziale Netzwerk, das sich wirklich wie ein Netzwerk anfühlte, nicht wie ein Formular. Individuell gestaltbare Profile mit selbst geschriebenem HTML, nervige Autoplay-Songs, die beim Öffnen des Profils losdröhnten, und die berühmt-berüchtigte Top-8-Freundesliste, die für mehr Beziehungsdramen gesorgt hat als jede Reality-Show. Auf seinem  Höhepunkt war Myspace tatsächlich das meistbesuchte soziale Netzwerk der Welt - bis Facebook kam und in wenigen Jahren alles einstampfte, was Myspace aufgebaut hatte.

Die zweite Chance, die schon die dritte ist

Was viele nicht wissen: Das ist nicht der erste Versuch der Vanderhooks, Myspace wiederzubeleben. Sie hatten die Plattform über ihre Firma Specific Media, die heute zu Viant Technology gehört, von News Corp übernommen und bereits früher an einer Neuauflage gearbeitet. Chris Vanderhook beschreibt es in der Dokumentation ziemlich unverblümt: Man habe es versucht, aber zu dem Zeitpunkt sei Myspace einfach nicht mehr dieselbe Firma gewesen. Bevor die Brüder überhaupt zum Zug kamen, hatte das Unternehmen schon vier andere Führungsteams durch. Sie waren also die Fünften - und offenbar hatten viele der damals verbliebenen Nutzer einfach keine Lust mehr, noch einmal von vorne anzufangen.

Diesmal soll natürlich alles anders werden. Klar. Die Brüder betonen, dass sie eine Plattform bauen wollen, die sich bewusst von dem unterscheidet, was heute als soziales Netzwerk durchgeht: kein Algorithmus, der einen stundenlang durch den Feed schiebt, keine künstlich erzeugte Sucht nach dem nächsten Scroll. Stattdessen soll es wieder persönlicher werden, kreativer, näher an dem, was Myspace ursprünglich ausgemacht hat - nutzergestaltete Profile statt durchgestylter Templates, echte Selbstdarstellung statt Content-Feed und Werbemüll.

Ein nachvollziehbares Problem, eine fragwürdige Lösung

Man muss den Vanderhooks zugutehalten, dass sie einen wunden Punkt treffen. Die Kritik an algorithmisch getriebenen Plattformen ist inzwischen so verbreitet, dass sie fast schon zum Allgemeinplatz geworden ist - zu viel Optimierung auf Verweildauer, zu wenig echte Kontrolle für die Nutzer über das, was sie sehen und wie sie sich präsentieren. Dass darin ein Marktbedürfnis steckt, ist plausibel. Die Frage ist nur, ob ausgerechnet eine Marke, die seit fast zwei Jahrzehnten im kollektiven Gedächtnis als Relikt einer vergangenen Internet-Ära existiert, der richtige Vehikel dafür ist.

Denn ein entscheidendes Detail fehlt in der ganzen Ankündigung bislang komplett: kein Starttermin, keine konkreten Funktionen, kein Hinweis darauf, wie das Ganze technisch oder wirtschaftlich funktionieren soll. Tim Vanderhook selbst hat es in der Dokumentation ziemlich lapidar zusammengefasst: Sollte der erste neue Anlauf nicht funktionieren, mache man eben einfach noch einen. Das ist wenigstens ehrlich, keine Frage. Als Geschäftsstrategie klingt es jedoch eher nach Trial-and-Error als nach einem durchdachten Produktplan.

Aus Agentursicht ist die Geschichte trotzdem nicht uninteressant, unabhängig davon, ob Myspace tatsächlich zurückkommt oder in der Ankündigungsschleife stecken bleibt. Sie zeigt nämlich sehr gut, wonach Nutzer aktuell suchen: mehr Gestaltungsfreiheit, mehr Kontrolle über die eigene digitale Präsenz, weniger Fremdbestimmung durch Algorithmen. Genau die Prinzipien, die vor über zwanzig Jahren individuell gestaltbare HTML-Profile so populär gemacht haben, tauchen gerade unter neuem Namen wieder auf - nur diesmal in Diskussionen über Dezentralisierung, eigene Websites statt gemieteter Plattform-Profile und Tools, die echte Personalisierung statt Template-Auswahl bieten.

Ob das jetzt ausgerechnet Myspace zum Comeback verhilft, steht auf einem anderen Blatt. Aber die zugrunde liegende Sehnsucht nach mehr Individualität im Netz ist real, und sie betrifft nicht nur soziale Netzwerke, sondern auch, wie Unternehmen und Selbstständige ihre eigenen Websites gestalten. Wer schon einmal überlegt hat, seine Onlinepräsenz aus einem generischen Baukasten zu befreien, findet in dieser kleinen Nostalgiewelle vielleicht den passenden Anlass dazu.

Myspace kommt zurück - vielleicht. Irgendwann. Mit einer Vision, aber ohne Termin, ohne konkrete Funktionen und mit einer Vorgeschichte, die zur Vorsicht mahnt. Ob aus der Ankündigung tatsächlich ein Relaunch wird oder ob sie in ein paar Jahren nur als Fußnote in der nächsten Dokumentation auftaucht, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Tom Anderson, der legendäre erste Myspace-Freund von Millionen Nutzern, hält sich aus der ganzen Sache bislang komplett heraus. Aber vielleicht weiß der einfach etwas, das die Vanderhooks noch noch nicht wissen.

05.08.2026

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