Aktuelles
Ein Zettel rettet die Menschheit. 35 Jahre World Wide Web!
Am 6. August 1991 ging die Welt nicht unter - sie ging online. Ganz ohne Konfetti, ohne Launch-Event, ohne Investoren-Pitch. Nur ein britischer Physiker, ein schwarzer Würfel von NeXT und ein Aufkleber, der buchstäblich die Zukunft der Menschheit vor dem Ausschalten bewahrte.
Ein Dienstag ohne großes Tamtam
Stellen wir uns kurz vor, wir könnten Zeitreisen und würden am 6. August 1991 morgens die Zeitung aufschlagen. Die Chancen, dort etwas über das World Wide Web zu lesen, stehen bei ziemlich genau null. Kein Pressetermin, keine Schlagzeile, kein „Big Launch". Am CERN, dem Schweizer Forschungszentrum für Teilchenphysik nahe Genf, schaltete der britische Physiker Tim Berners-Lee an diesem Tag lediglich die erste öffentlich zugängliche Webseite der Geschichte frei - und postete zur Bekanntgabe einen unscheinbaren Beitrag in der Newsgroup alt.hypertext. Fertig. Keine Presseabteilung hat je einen bescheideneren Produktlaunch hingelegt, und dabei sollte genau dieser Moment binnen weniger Jahre praktisch jeden Aspekt menschlicher Zivilisation umkrempeln.
Die eigentliche Vorarbeit lag da schon eine Weile zurück: Bereits am 12. März 1989 hatte der damals 34-jährige Berners-Lee seinem Vorgesetzten am CERN ein Papier mit dem Titel „Information Management: A Proposal" vorgelegt - die Idee eines verteilten Systems, mit dem sich Forschungsdokumente über Institutsgrenzen hinweg verknüpfen und abrufen lassen sollten. Sein Chef Mike Sendall kommentierte das Projekt seinerzeit mit den Worten, es sei „vage, aber spannend" - eine der understatement-reichsten Fehleinschätzungen der Technikgeschichte. Ende 1990 stand die erste Webseite bereits intern zur Verfügung, ab Januar 1991 verbreitete sich die zugehörige Software in Universitäten und Forschungslaboren. Öffentlich und weltweit bekannt wurde das Projekt dann eben an jenem 6. August 1991.
Der Computer, den niemand ausschalten durfte
Das gesamte World Wide Web lief in diesen ersten Monaten auf einem einzigen Gerät: Berners-Lees NeXT-Cube, jenem markanten schwarzen Magnesium-Würfel aus der Firma, die Steve Jobs nach seinem Apple-Rauswurf gegründet hatte. Ein technisch beeindruckendes Gerät für seine Zeit - und gleichzeitig der denkbar größte Single Point of Failure der Computergeschichte. Wäre dieser eine Rechner ausgegangen, wäre buchstäblich das gesamte World Wide Web offline gewesen. Es gab schlichtweg keinen zweiten Server.
Berners-Lee war sich dieses Risikos offenbar bewusst und griff zur denkbar low-tech-igsten aller Absicherungsmaßnahmen: einem handgeschriebenen Zettel auf dem Gehäuse. Die legendäre Aufschrift lautete schlicht: „This machine is a server. DO NOT POWER IT DOWN!!" Zwei Ausrufezeichen, keine Kompromisse. Der Cube samt Zettel steht heute im CERN-Museum - eine der charmantesten Reliquien der Digitalgeschichte und der Beweis, dass die Grundlagen des modernen Internets buchstäblich an einem Post-it hingen. Man male sich aus, jemand hätte beim Putzen versehentlich den Stecker gezogen: keine Google-Suche, kein Online-Banking, keine Wikipedia-Rabbit-Holes um drei Uhr morgens, keine Katzenvideos. Die Zivilisation, wie wir sie kennen, hing 1991 buchstäblich an einer Steckdose in Genf.
Die Webseite: Minimalismus, bevor Minimalismus cool war
Wer heute unter info.cern.ch/hypertext/WWW/TheProject.html vorbeischaut, bekommt eine originalgetreue Rekonstruktion jener allerersten Seite zu sehen. Und die ist, gemessen an heutigen Web-Standards, fast schon subversiv reduziert: ein paar Absätze schlichter Text, durchzogen von blauen Hyperlinks, die erklären, was dieses „World Wide Web" überhaupt ist und wie man selbst einen Server aufsetzt oder einen Browser installiert. Keine Hero-Images, keine Cookie-Banner, kein Newsletter-Pop-up, das einem nach drei Sekunden den Bildschirm zupflastert, keine Autoplay-Videos, keine Werbung. Hach, war das schön...!
Ironischerweise war der ursprüngliche Browser - ebenfalls von Berners-Lee entwickelt und schlicht „WorldWideWeb" getauft, später in „Nexus" umbenannt - sogar leistungsfähiger, als es die Optik vermuten lässt: Er war nicht nur zum Lesen von Seiten gedacht, sondern auch zum direkten Bearbeiten. Die Idee eines Webs, an dem jeder aktiv mitschreiben kann, ist also fast so alt wie das Web selbst - und mutet angesichts der heutigen Debatten um Wikis, Kollaborationstools und User-Generated-Content geradezu prophetisch an.
Der eigentliche Clou: Das CERN verschenkt das Web
Der vielleicht folgenreichste Moment in der frühen Geschichte des Web ereignete sich nicht 1991, sondern knapp zwei Jahre später: Am 30. April 1993 entschied sich die CERN-Direktion, die zugrundeliegende Technologie - HTTP, HTML, die grundlegende Server- und Client-Software - bedingungslos und lizenzfrei der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Kein Patent, keine Lizenzgebühren, kein Kleingedrucktes. Man kann sich heute, in einer Welt der Plattform-Monopole und API-Preismodelle, kaum noch vorstellen, wie unwahrscheinlich diese Entscheidung war. Berners-Lee selbst erklärte später, dass eine proprietäre, kontrollierte Technologie sich niemals so schnell hätte verbreiten können. Der Konkurrent Gopher, ein an der University of Minnesota entwickeltes Menü-basiertes System, das dem Web zwischenzeitlich sogar überlegen schien, verspielte seine Marktchancen fast zeitgleich, als die Universität begann, Lizenzgebühren für die kommerzielle Nutzung zu verlangen. Ein Lehrstück darüber, wie ein einziger Lizenzierungsfehler eine ganze Technologie ins Abseits befördern kann - während die kostenlose Alternative die Welt eroberte.
Vom Ein-Server-Netz zur globalen Infrastruktur
Die Zahlen von damals zu heute zu vergleichen, fühlt sich fast surreal an. 1991: ein Server, eine Handvoll Nutzer am CERN, null Konkurrenz-Websites, weil es schlicht keine anderen gab. Heute existieren weltweit mehr als 1,1 Milliarden Websites, auch wenn nur ein Bruchteil davon aktiv gepflegt wird, und über sechs Milliarden Menschen sind online - etwa drei Viertel der Weltbevölkerung. Aus einem Textdokument mit ein paar blauen Links ist das zentrale Nervensystem der globalen Wirtschaft, Kommunikation und Kultur geworden. Vermutlich hätte selbst Tim Berners-Lee an jenem Augusttag 1991 nicht gewagt zu prophezeien, dass sein internes CERN-Werkzeug einmal Grundlage für Onlinebanking, Streaming, Social Media, E-Commerce - und ja, auch für Blogartikel wie diesen hier - werden würde.
Was von 1991 übrig bleibt
Was an dieser Geschichte auch 35 Jahre später noch fasziniert, ist der eklatante Kontrast zwischen der Tragweite der Erfindung und der Bescheidenheit ihres Starts. Keine Marketingabteilung, kein Funding-Announcement, keine Beta-Warteliste - nur ein Physiker, ein Textdokument und die feste Überzeugung, dass Informationen frei fließen sollten. Während heute jede App mit einem halbgaren Feature einen aufwendigen Launch-Event samt Presseeinladung, veganen Häppchen und Champagnerdusche veranstaltet, verdanken wir das Web einem handgeschriebenen Zettel, der im Grunde nur eines sagte: Bitte nicht anfassen! Eine Erinnerung daran, dass die größten Umwälzungen selten mit Fanfaren beginnen - sondern manchmal einfach damit, dass jemand einen Stecker in der Steckdose lässt.
Foto: Paul Clarke, CC BY-SA 4.0
Quellen: CERN Document Server, Wikipedia (World Wide Web), Konrad-Adenauer-Stiftung „Geschichtsbewusst", HISTORY.com, Google Arts & Culture (CERN/Science Museum London), wpbeginner.com Internetnutzungsstatistiken 2026.
07.08.2026
![]()
Alle News vom TAGWORX.NET Neue Medien können Sie auch als RSS Newsfeed abonnieren, klicken Sie einfach auf das XML-Symbol und tragen Sie die Adresse in Ihren Newsreader ein!
TAGWORX.NET Neue Medien




