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Peking zeigt bei den 2. World Robot Games, wie weit China bei humanoiden Robotern wirklich ist

Peking 2026: Humanoide Roboter schlagen Bolt – China dominiertDie 2. World Humanoid Robot Games in Peking sind Zirkus, Industriemesse und Weckruf in einem - und Europa hat wieder einmal verpennt, welche Vorstellung da gerade läuft. 

Manchmal liegen Sportgeschichte und Comedy so nah beieinander, dass man nicht weiß, ob man lachen, klatschen oder den Feuerlöscher suchen soll. Peking liefert solche Momente am sprichwörtlichen "laufenden Meter" - und zwar noch bis zum 26. August. Am Start sind 2056 Roboter und 666 Teams, zu sehen waren bislang ein gebrochener Weltrekord, ein Läufer, der nach dem Zieleinlauf in Flammen aufging und viele Robotik-Innovationen, die die Frage aufwerfen, was die Welt in 10 oder 20 Jahren aussehen wird.

Gleich am ersten Tag lief ein humanoider Roboter des Herstellers X-Humanoid die 100 Meter in 9,39 Sekunden und unterbot damit offiziell Usain Bolts menschlichen Weltrekord von 9,58 Sekunden aus dem Jahr 2009. Wenig später versuchte ein zweiter Roboter, „Lightning“ vom Smartphone-Hersteller Honor, in einem Testlauf sogar noch schneller zu sein - 9,32 Sekunden, Spitzengeschwindigkeit 14,5 Meter pro Sekunde. Das Problem: Bremsen hatte man der Blechbüchse offenbar nicht beigebracht. Die Maschine krachte hinter der Ziellinie in eine Streckenbegrenzung und fing Feuer. Helfer rückten mit Tragen und Feuerlöschern an, das Video ging um die Welt.

Genau dieses Nebeneinander aus Rekord und Slapstick ist der eigentliche Punkt der Veranstaltung. Wer nur auf die viralen Clips schaut, verpasst aber die Geschichte dahinter. Und die ist, so unangenehm das für uns in Europa auch sein mag, ziemlich eindeutig.

Vom Kuriositätenkabinett zur Industriemesse

Vor einem Jahr, bei der ersten Ausgabe der Games, war das Ganze noch eher ein belächelter Jahrmarkt als eine Fachmesse: 500 Roboter, 280 Teams, ein Sprintrekord von müden 21,5 Sekunden, Fußballroboter, die reihenweise umfielen wie Dominosteine. Charmant, aber niemand hätte ernsthaft von einer Zäsur gesprochen. Ein Jahr später sieht die Bilanz anders aus. 2056 Roboter sind in Peking am Start, eine Vervierfachung. 666 Teams aus 16 Ländern und sechs Kontinenten treten in 51 Disziplinen gegeneinander an, aufgeteilt in 30 klassische Sportwettbewerbe und 21 Arbeitsszenarien wie Hotelservice, Montage oder Katastrophenrettung. Über 1300 Einzelwettkämpfe stehen auf dem Programm. Und ja, auch das gehört zur Wahrheit dazu: 96 Prozent der startenden Teams kommen aus China.

Genau diese letzte Zahl ist der eigentliche Clou. Die sportliche Show im „Ice Ribbon“, jenem Eisschnelllaufoval der Olympischen Winterspiele 2022, ist hübsch anzusehen. Aber sie ist im Grunde nur die Verpackung für etwas viel Handfesteres: eine Leistungsschau darüber, wer die Fabriken von morgen baut, wer darin arbeitet - und wer nur noch dabei zuschaut.

Die Show ist die Nebensache, der Markt die Hauptsache

Parallel zu den Spielen läuft in Peking die World Robot Conference, mit über 300 ausstellenden Unternehmen und rund 150 Weltpremieren. Diese Kombination aus Sportarena und Verkaufsmesse ist kein Zufall, sondern Strategie - und sie funktioniert auch als Zahlenbeweis. Laut Marktdaten von Smart Analytics Global wurden im ersten Halbjahr 2026 weltweit rund 19.100 humanoide Roboter ausgeliefert. Mehr als 97 Prozent davon stammen aus China. Allein der Hersteller AgiBot kommt mit 8400 ausgelieferten Einheiten auf 44 Prozent Marktanteil, Unitree mit knapp 5900 Robotern auf 31 Prozent. Zum Vergleich: Tesla, das mit Optimus gerne als westliche Antwort gehandelt wird, hat im gesamten Jahr 2025 ganze 10.000 Einheiten ausgeliefert. Nicht im Halbjahr. Im Jahr.

Man kann diese Zahlen drehen und wenden, wie man möchte - am Ende bleibt ein Marktanteil von deutlich über 90 Prozent für chinesische Hersteller. Das ist keine Nische mehr, das ist eine Übernahme.

China gegen den Rest der Welt: ein kurzer Realitätscheck

Kriterium China Europa
Weltmarktanteil Auslieferungen > 97 % (H1 2026) Im Rundungsbereich
Kapitalzufluss KI-Robotik (H1 2025) 6-fach im Vergleich zur EU Referenzwert
Preisniveau Hardware Rund ein Drittel günstiger Teurer, oft ohne China-Zulieferer kaum konkurrenzfähig
Industriestrategie Fester Bestandteil des 15. Fünfjahresplans 2026-2030 Verteilt auf einzelne Pilotprojekte und Förderprogramme
Prominente Vorzeigeprojekte Unitree, AgiBot, UBTech - Serienproduktion Neura Robotics (D), Hexagon Robotics (CH) - Pilotbetrieb

Quellen: IFR, Smart Analytics Global, Barclays Research, Der Pragmaticus - eigene Zusammenstellung, Stand August 2026.

Merz in Hangzhou, oder: die Demütigung als Dienstreise

Es gibt eine Szene aus dem Februar 2026, die die Lage besser zusammenfasst als jede Studie. Bundeskanzler Friedrich Merz steht in Hangzhou vor humanoiden Robotern des Herstellers Unitree. Die Maschinen boxen, tanzen, zeigen Kung-Fu-Einlagen. Nach seiner Rückkehr sagt Merz den inzwischen vielzitierten Satz, Deutschland sei „einfach nicht mehr produktiv genug“. Man muss dem Kanzler zugutehalten, dass er wenigstens ehrlich war. Die unbequeme Wahrheit dahinter: Diese Vorführungen sind keine reine Unterhaltung, sie sind politische Botschaften, verpackt in Servomotoren. China zeigt bewusst, was es kann - auch damit ausländische Politiker genau solche Sätze sagen.

Dabei ist es nicht so, dass in Europa gar nichts passiert. BMW testet im Werk Leipzig humanoide Roboter des Zürcher Herstellers Hexagon Robotics für Materialtransport und Batteriemontage und baut parallel in München ein Kompetenzzentrum für „Physical AI in Production“ auf. Das deutsche Start-up Neura Robotics hat rund eine Milliarde Euro von Investoren wie Amazon und Qualcomm eingesammelt und wird mit etwa vier Milliarden Euro bewertet - tatsächlich eine der wenigen europäischen Erfolgsgeschichten in diesem Feld. Nur: Das sind Pilotprojekte und Einzelfälle. China baut derzeit ganze Fabrikhallen, in denen alle 30 Minuten ein neuer humanoider Roboter vom Band läuft. Der Unterschied zwischen „wir testen das mal“ und „wir produzieren das im Akkord“ ist kein graduelles Detail, das ist eine komplett andere Liga.

Woran es wirklich hapert - und warum es nicht nur an Geld liegt

Man könnte es sich einfach machen und sagen: Europa braucht mehr Fördergeld, dann wird das schon. Aber die Wahrheit ist unbequemer. China bringt laut aktuellen Vergleichsdaten etwa 3,5-mal so viele Naturwissenschafts-Absolventen hervor wie die gesamte EU. Im ersten Halbjahr 2025 floss laut Marktanalysen sechsmal so viel Kapital in KI-fähige Robotik wie in der EU, in den USA immerhin viermal so viel. Dazu kommt die vertikale Integration: Wer wie China gleichzeitig die Kontrolle über seltene Erden, die Batterieproduktion für E-Autos und eine riesige Zulieferindustrie für klassische Industrieroboter hat, kann humanoide Systeme einfach billiger und schneller bauen als jeder, der Komponenten aus einem Dutzend verschiedener Länder zusammenkaufen muss.

Und dann ist da noch die Sache mit der Regulierung. Es ist ja nicht so, dass in Brüssel niemand über humanoide Robotik nachdenkt - im Gegenteil, es wird ausgiebig diskutiert, kategorisiert und in Arbeitsgruppen verhandelt, während in Guangdong die Fließbänder laufen. Die USA haben inzwischen sogar reagiert, allerdings auf ihre eigene, ziemlich grobmotorische Art: Die FCC hat ausländische humanoide Roboter auf eine „Covered List“ gesetzt und faktisch verboten, ohne nach Herkunftsland zu unterscheiden. Das mag chinesische Konkurrenz aussperren, riskiert aber auch, die eigenen Lieferketten zu zerlegen, weil selbst US-Hersteller auf chinesische Komponenten angewiesen sind. Wirklich elegant ist anders.

Was jetzt eigentlich zu tun wäre

Die gute Nachricht, so viel Redlichkeit muss sein: Verloren ist noch nichts. Europa hat bei Sensorik, funktionaler Sicherheit und industrieller Prozessintegration nach wie vor Stärken, die sich nicht über Nacht kopieren lassen - gerade in regulierten Branchen wie der robotergestützten Chirurgie oder der Automobilfertigung zählt Präzision oft mehr als reine Stückzahl. Aber diese Stärken bringen nichts, wenn sie in Pilotprojekten verharren, während der Rest der Welt in Serie geht. Wer beim größten industriellen Umbruch seit der Einführung des Fließbands zuschaut, statt mitzuspielen, wird ihn am Ende nicht mitgestalten, sondern nur noch einkaufen dürfen - zu den Konditionen, die andere festlegen.

Der brennende Roboter von Peking ist insofern ein ziemlich treffendes Bild für die ganze Situation. Beeindruckendes Tempo, jede Menge Wumms - aber ob rechtzeitig gebremst wird, bevor es richtig kritisch wird, steht noch nicht fest. Nur dass diesmal nicht die Maschine das Problem mit der Bremse hat, sondern der ganze Kontinent, der ihr beim Rennen zusieht.

Foto via Organisationskommitee der World Humanoid Robot Games

24.08.2026

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