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BRICS Pay: Während Europa noch testet, schafft der Rest der Welt Fakten
Am Samstagnachmittag, nach einer durchverhandelten Nacht, wurden in Neu-Delhi Verträge unterzeichnet, die man in Frankfurt und Brüssel genauer lesen sollte als die meisten Wirtschaftsmeldungen dieser Woche. Elf Staats- und Regierungschefs, darunter Modi, Xi Jinping und Putin, haben sich auf eine gemeinsame Erklärung geeinigt - und mittendrin: ein gestärktes Mandat für BRICS Pay, das Zahlungssystem, über das die Allianz seit fast zehn Jahren redet.
Während hierzulande das Zahlungssystem Wero nur schaumgebremst in die Puschen kommt und der digitale Euro noch auf sein Gesetz wartet, hat ein Bündnis, das fast die Hälfte der Weltbevölkerung repräsentiert, den Schalter von "wir prüfen das" auf "wir machen das" umgelegt. Ob daraus tatsächlich ein funktionierendes System wird, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt. Aber ignorieren lässt sich die Bewegung nicht mehr und insbesondere den Amerikanern - bislang Herr über ein ganzes Payment-Universum - dürfte das alles ein Dorn im Auge sein.
Was in Neu-Delhi wirklich unterschrieben wurde
Der 18. BRICS-Gipfel fand am 12. und 13. September 2026 im Bharat Mandapam in Neu-Delhi statt, ausgerichtet von Indien unter dem Motto "Aufbau von Resilienz, Innovation, Kooperation und Nachhaltigkeit". Elf Mitgliedstaaten plus zehn Partnerländer haben teilgenommen, von Belarus bis Vietnam. Nach zähen Verhandlungen bis in den frühen Morgen - der Iran-Krieg hatte den Gipfel zeitweise an den Rand des Scheiterns gebracht - stand am Ende eine 140 Paragrafen starke gemeinsame Erklärung, einstimmig von allen elf Mitgliedern getragen.
Ganz oben auf der Liste der konkreten Ergebnisse: die BRICS Payment Task Force, ein Gremium aus Zentralbank-Fachleuten der Mitgliedstaaten, bekommt ein gestärktes Mandat. Ihr Auftrag ist unspektakulär formuliert - grenzüberschreitende Zahlungen zwischen den Mitgliedsländern sollen schneller, günstiger, zugänglicher und sicherer werden - aber genau diese Nüchternheit ist bemerkenswert. Kein großes Wort von einer gemeinsamen Währung, keine Ankündigung eines Starttermins. Stattdessen ein Arbeitsauftrag mit Zeitplan. Das ist der Unterschied zu den BRICS-Gipfeln der Vorjahre, auf denen das Thema vor allem als Absichtserklärung auftauchte.
Die Idee dahinter: drei Versprechen an drei Zielgruppen
BRICS Pay adressiert bewusst drei unterschiedliche Nutzergruppen mit drei unterschiedlichen Versprechen. Unternehmen sollen Zahlungen direkt in den jeweiligen Landeswährungen abwickeln können, ohne den Umweg über Dollar oder Euro. Bürgerinnen und Bürger sollen mit ihrer eigenen Karte in jedem Mitgliedsland bezahlen können, ähnlich wie das heute mit Visa oder Mastercard funktioniert, nur eben ohne genau diese Netzwerke. Und die Staaten selbst sollen ein Stück Schutz vor externem Sanktionsdruck bekommen, indem ein Zahlungsweg entsteht, der nicht über SWIFT läuft und damit auch nicht so leicht abgeschaltet werden kann.
Technisch stützt sich das Konzept auf mehrere Bausteine. Verrechnungszyklen bündeln alle Zahlungen zwischen zwei Ländern über einen festgelegten Zeitraum und gleichen am Ende nur die Nettodifferenz aus - wenn Indien für 500 Milliarden Rupien aus China importiert und umgekehrt für 400 Milliarden, muss nur die Differenz von 100 Milliarden tatsächlich fließen. Das spart Transaktionskosten und verhindert, dass ein Land auf einem Berg einer Währung sitzen bleibt, die es kaum verwenden kann. Dazu kommen Devisen-Swap-Linien zwischen den Zentralbanken als Liquiditätspuffer, und ein dezentrales grenzüberschreitendes Nachrichtensystem, entwickelt an der Universität St. Petersburg, das ohne zentralen Betreiber auskommen soll. In Neu-Delhi kam noch ein sehr indischer Akzent hinzu: Handelsminister Piyush Goyal warb offensiv dafür, die nationalen Zahlungssysteme der Mitgliedsländer über Indiens Unified Payments Interface zu verknüpfen - ein System, das laut Goyal bereits über 250 Milliarden Transaktionen pro Jahr verarbeitet und bereits jetzt in elf Ländern akzeptiert wird.
Der Vergleich, der wehtut
Stellt man BRICS Pay neben die europäischen Pendants, wird der Tempo-Unterschied unangenehm deutlich. Nicht weil BRICS Pay technisch weiter wäre - das ist es nicht. Sondern weil die politische Entschlossenheit gerade in die entgegengesetzte Richtung zeigt.
| System | Träger | Aktueller Stand (September 2026) | Reichweite |
|---|---|---|---|
| BRICS Pay | BRICS Payment Task Force, elf Mitgliedstaaten | Gestärktes politisches Mandat, keine flächendeckende Umsetzung, erste Pilotprojekte in Planung | Ambition: alle BRICS- und Partnerländer, faktisch bislang bilaterale Insellösungen |
| Wero | European Payments Initiative (EPI), europäische Banken | Seit Sommer 2024 live, über 50 Millionen registrierte Nutzer; E-Commerce-Rollout läuft zäh. Großbanken wie die Deutsche Bank, Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken haben das System integriert, bei Unternehmen wie DM, Lidl und Decathlon können Kunden bereits mit Wero bezahlen. Weitere große Ketten wie Ikea, Otto, Zalando, Rossmann und MediaMarkt haben die Integration immerhin angekündigt. Einzelne Landesstarts wie Luxemburg hinken hinterher | Bislang primär Frankreich, Deutschland, Belgien; weitere EU-Länder folgen gestaffelt |
| Digitaler Euro | EZB, Europäisches System der Zentralbanken | Gesetzgebungsverfahren soll bis Ende 2026 stehen, produktiver Start realistisch nicht vor 2028/2029 | Eurozone, sofern EZB-Rat sich für Einführung entscheidet |
Der Punkt ist nicht, dass BRICS Pay Wero oder dem digitalen Euro technologisch überlegen wäre. Wero funktioniert, das zeigen die Nutzerzahlen deutlich. Der Punkt ist eher, wo der Flaschenhals liegt: Bei BRICS Pay ist es die politische und technische Grundlage selbst, die noch fehlt. Bei Wero ist die Grundlage längst da, aber die Händlerseite zögert - von den zehn größten deutschen Onlineshops hat laut einer Handelsblatt-Umfrage bislang nur einer eine Wero-Integration überhaupt in Aussicht gestellt, ohne Datum. Zwei völlig unterschiedliche Baustellen also, aber beide zeigen: Der Sprung von "das System existiert" zu "das System wird tatsächlich genutzt" ist überall der eigentlich schwierige Teil. Und in Europa laufen mit Wero und dem digitalen Euro obendrein zwei Projekte nebeneinander her, die sich teilweise selbst Konkurrenz machen, wie auch das Institut der deutschen Wirtschaft in einer aktuellen Kurzanalyse feststellt.
Wo das Projekt sich selbst im Weg steht
So entschlossen die Rhetorik aus Neu-Delhi klingt, die Liste der ungelösten Probleme ist lang. Jedes BRICS-Land hat eigenes Bankenrecht, eigene Aufsichtsstandards, eigene Datenschutzregeln - diese zu harmonisieren, ist keine Frage von Monaten, sondern von Jahren. Die Interoperabilität mit bestehenden Systemen wie SWIFT oder dem chinesischen CIPS ist technisch und politisch heikel: Wird BRICS Pay zu offen gestaltet, verliert es seinen Sinn als Sanktionsschutz. Wird es zu geschlossen gestaltet, bleibt es eine Insellösung, mit der außerhalb des Blocks niemand etwas anfangen kann.
Dazu kommt ein Governance-Problem, das die Analysten des BRICS-Expertenrats selbst offen ansprechen: China und Indien verfolgen in vielen außenpolitischen Fragen unterschiedliche Interessen, Russland hat aus offensichtlichen Gründen ein besonders dringendes Interesse an einem SWIFT-Ersatz, andere Mitglieder sind deutlich zurückhaltender. Mikhail Nikitin von 5D Consulting bringt es gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Prime auf den Punkt: BRICS Pay existiere bislang als Konzept und als Bündel von Pilotlösungen, ein abrupter Bruch mit der bestehenden Dollar-Infrastruktur werde es nicht geben. Manche Marktbeobachter rechnen erst für die Jahre 2035 bis 2040 mit einer umfassenden weltweiten Nutzung. Das ist kein Zeitplan, das ist eine Wetten-dass-Ansage.
Kein Grund zum Zurücklehnen...
Für ein Unternehmensumfeld, das mit Kunden oder Lieferanten außerhalb der Eurozone arbeitet (wir gehören dazu), lohnt sich der Blick trotzdem schon jetzt. Erstens, weil Zahlungsinfrastruktur langsam wächst, aber wenn sie steht, bleibt sie - wer heute schon versteht, wie ein Zahlungsweg jenseits von SWIFT funktionieren könnte, ist in fünf Jahren nicht überrascht. Zweitens, weil die politische Botschaft hinter BRICS Pay eine reale wirtschaftliche Fragmentierung markiert: Handelspartner in Brasilien, Indien oder den Golfstaaten könnten mittelfristig stärker in lokalen Währungen und über eigene Kanäle abrechnen wollen, unabhängig davon, wie schnell das technisch reif wird. Und drittens, weil der Rückstand der europäischen Alternativen selbst ein Wettbewerbsfaktor ist - wer als KMU heute auf ein verlässliches, europäisches Zahlungssystem wartet, wartet möglicherweise länger als gedacht, während anderswo längst experimentiert wird.
Die Unterschrift von Neu-Delhi macht aus BRICS Pay noch kein funktionierendes System. Aber sie macht aus einer zehn Jahre alten Idee einen Prüfauftrag mit Deadline. Und Deadlines, das lehrt die Geschichte jeder Zahlungsinfrastruktur, sind der Moment, an dem aus Ankündigungen irgendwann tatsächlich Systeme werden. Die spannendere Frage ist inzwischen nicht mehr, ob der Westen das ernst nehmen sollte. Sondern, wie lange er sich noch den Luxus leisten kann, es nicht zu tun.
15.09.2026
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