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Als das Klammeraffe-Zeichen die Welt vernetzte: Die (fast) vergessene Geburtsstunde der E-Mail

Ray TomlinsonHerbst 1971 in Cambridge, Massachusetts. Ein Computertüftler sitzt in einem Raum voller dröhnender Schränke und starrt auf zwei Teletype-Fernschreiber. Ray Tomlinson, Ingenieur beim Forschungsunternehmen BBN, tippt ein paar völlig belanglose Zeichen in die Tastatur: wahrscheinlich irgendetwas wie QWERTYUIOP. Keine Betreffzeile, kein Anhang, kein Buntstift-Emoji. Kurz darauf rattert das Papier des zweiten Fernschreibers los.

Was Tomlinson in diesem Moment tut, steht in keinem offiziellen Arbeitsauftrag. Niemand hat ihn darum gebeten. Doch genau in diesem Augenblick erblickt die Netz-E-Mail das Licht der Welt.

Das Problem mit den Inseln im Netz

1971 existiert das ARPANET bereits - der Vorläufer unseres heutigen Internets, finanziert vom US-Verteidigungsministerium. Nutzer können zwar schon Nachrichten hinterlassen, aber nur lokal. Man muss sich das wie ein digitales Schwarzes Brett vorstellen: Mehrere Personen teilen sich denselben Großrechner und hinterlegen Notizen für den Kollegen, der sich später am selben Terminal einloggt.

Nachrichten über das Netzwerk von Rechner A zu Rechner B schicken? Unmöglich. Tomlinson will das ändern. Er kombiniert zwei bestehende Programme: das lokale Nachrichtensystem SNDMSG (Send Message) und das Dateitransfer-Protokoll CPNET. Die Herausforderung dabei: Wie bringt man dem System bei, zwischen dem Computernutzer und der Maschine zu unterscheiden?

Der genialste Griff ins Tastatur-Regal

Tomlinson braucht ein Trennzeichen. Es darf in keinem gebräuchlichen Personennamen vorkommen und muss auf der Tastatur seines Teletype-Model-33-Terminals sofort greifbar sein. Sein Blick fällt auf ein fast vergessenes Kaufmannszeichen: das @.

„Ich habe nach einem Zeichen gesucht, das nicht so leicht mit einem Namen verwechselt werden konnte“, erinnerte sich Tomlinson später. „Das @-Zeichen machte einfach Sinn. Es bedeutete schlicht 'at' - also 'bei' oder 'an'.“

Die Struktur user@host war geboren. Aus einer reinen Notlösung entsteht der Standard, der bis heute jeden Posteingang der Welt strukturiert.

Ära Funktionsumfang
1971 Reine Textnachrichten zwischen ARPANET-Rechnern, kein Betreff
1975 Erste Ordnerstrukturen, Posteingang und automatische Antworten
1984 Die erste E-Mail erreicht Deutschland. Die Nachricht wurde über das US-amerikanische Wissenschaftsnetzwerk CSNET (Computer Science Net) übermittelt und erreichte den Karlsruher VAX-Großrechner mit mehr als 24 Stunden Verzögerung nach dem Absenden.
1990er Bunte Webmail-Interfaces (Hotmail, GMX), HTML-Formate und Anhänge
Heute Globale Infrastruktur für Milliarden Menschen, Push-Nachrichten & KI-Filter

„Erzähl bloß keinem was davon!“

Interessanterweise bleibt die historische erste Mail völlig undokumentiert. Tomlinson vergisst den genauen Wortlaut direkt wieder. Als er seinem Kollegen Jerry Burchfiel das funktionierende System demonstriert, sagt er beiläufig: „Erzähl das bloß keinem weiter! Wir wurden eigentlich nicht dafür bezahlt, das zu entwickeln.“

Doch die Erfindung setzt sich durch wie ein Lauffeuer. Innerhalb weniger Jahre macht der E-Mail-Verkehr den Hauptteil des Datenvolumens im ARPANET aus. Wissenschaftler tauschen keine Papierbriefe mehr aus, sondern schicken sich Forschungsergebnisse in Sekundenschnelle über die Ozeane. Über Universitäten und Großkonzerne wandert die Technologie Ende der 80er-Jahre schließlich in die Wohnzimmer von Millionen Privatpersonen.

Ein leiser Meilenstein

Wer kann schon von sich behaupten, die Welt dermaßen nachhaltig verändert zu haben? Ray Tomlinson kann das. Heute schicken wir täglich Milliarden Dokumente, hochauflösende Fotos und Verträge durch den Äther. Der Grundablauf entspricht dabei immer noch haargenau dem Versuch, den der tüftelnde Ingenieur vor über 55 Jahren heimlich in seinem Büro startete: Eine Nachricht entsteht an Rechner A, reist durch ein Netzwerk und landet punktgenau im Postfach an Rechner B.

Eine der mächtigsten Kommunikationsformen der Menschheit begann also ohne große Reden, ohne Marketingbudget und ohne ein einziges geschriebenes Wort für die Geschichtsbücher. Manchmal reicht eben ein kleines @, um die Welt neu zu verdrahten.

Ein lauter Wermutstropfen

Weltweit waren im Jahr 2025 etwa 45 Prozent aller E-Mails Spam oder enthielten unerwünschte Bedrohungen. Das geht aus dem aktuellen Spam- und Phishing-Report von Kaspersky hervor.

Ältere und breiter gefasste Schätzungen von Sicherheitsanbietern wie ESET oder Verbraucherschutzzentralen gehen historisch sogar von 60 bis 90 Prozent aus, je nachdem, wie der gesamte globale Datenverkehr und frühzeitig abgefangene Spam-Wellen gemessen werde.

Es wäre doch schön, wenn es mal wieder einen Tüftler gäbe, der uns genau dieses Problem vom Hals schafft. Immerhin hat Tomlinson auch das erste "Anti-Viren-Programm" geschrieben, "Reaper" wurde auf "Creeper" losgelassen, einen sogenannten "Mailworm", der schon 1971 auf den Arparechnern unterwegs war. Aber das ist eine andere Geschichte.

16.09.2026

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