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Der Spion, der aus der Röhre kam. Achtung, dein Fernseher hört mit!

Stellt euch vor, ihr kauft ein Auto. Nach dem Kauf notiert der Bordcomputer heimlich jede Strecke, jeden Radiosender, jedes Gespräch im Innenraum – und verkauft das Ganze an Werbetreibende. Ihr würdet die Karre wahrscheinlich sofort zurückgeben. Bei Fernsehern machen wir genau das seit Jahren mit, ohne es zu merken. Der aktuelle Fall rund um LG zeigt jetzt nur besonders deutlich, wie rotzfrech die Hersteller inzwischen tracken.

Der Fernseher hört mit: Was LG-TVs wirklich senden

Das Tech-Portal Gamers Nexus hat sich mehrere LG-Fernseher über gut zwei Stunden lang vorgeknöpft und den Netzwerkverkehr seziert. Das Ergebnis, über das unter anderem heise.de berichtet hat: Die Geräte senden Daten, auch wenn die Nutzer die entsprechenden Funktionen schon längst abgeschaltet haben. Und tauschen Informationen aus, sobald sie nach einer Offline-Phase wieder online gehen. Für ältere LG-Modelle ohne Werbe-ID wurde die Kennung per Firmware-Update mal eben einfach nachgerüstet. Natürlich ungefragt, und laut den Forschern lässt sie sich seither auch nicht mehr deaktivieren. Da kommt doch Freude auf.

Was wurde entdeckt und was sagt der Hersteller dazu?

Im Zentrum der Untersuchung steht ACR, kurz für Automatic Content Recognition. Die Technik nimmt in kurzen Abständen digitale Fingerabdrücke von Bild und Ton auf und gleicht sie mit einer Datenbank ab, um zu erkennen, was gerade läuft, ganz egal ob Kabelfernsehen, Streaming-App oder Konsole am HDMI-Eingang. Genau diese Erkennung soll bei LG-Geräten auch dann aktiv gewesen sein, wenn Nutzer sie im Menü deaktiviert hatten.

LG hat inzwischen reagiert, allerdings ausweichend. Der Hersteller betont, ACR sei standardmäßig deaktiviert und folge einem Opt-in-Prinzip, und der Fernseher höre, zeichne oder speichere Gespräche zu Hause nicht kontinuierlich auf. Nur: Wer die Freisprech-Sprachsteuerung aktiviert, dessen Gerät überwacht laut eigener Aussage von LG den Raum im Standby-Modus akustisch weiter (!), um das Aktivierungswort zu erkennen. Die Aufnahmen würden lokal verarbeitet und sofort gelöscht, so LG. Die Forscher von Gamers Nexus hatten in ihren Tests etwas anderes beobachtet. Was nun stimmt, ist von außen kaum abschließend zu klären und genau diese Unklarheit ist Teil des Problems.

Auf konkrete Fragen zur Menge der übertragenen Telemetriedaten, zu den Zielservern und zu den Empfängern der Informationen bleibt LG in seiner Stellungnahme auffällig vage. Wer ein Statement liest und danach mehr Fragen hat als vorher, hat das Prinzip verstanden.

Womöglich ein Branchenproblem

Der eigentliche Grund, warum diese Geschichte über LG hinausgeht: Werbeeinnahmen rund um den Fernseher übersteigen in den USA inzwischen die Einnahmen aus dem reinen Hardware-Verkauf. Ein TV wird nicht mehr einmalig verkauft und dann vergessen, er verdient über die komplette Nutzungsdauer weiter mit, über werbefinanzierte FAST-Sender und personalisierte Werbeeinblendungen. Das macht ACR für jeden Hersteller wirtschaftlich sehr attraktiv, nicht nur für LG.

Samsung, Sony, Hisense, TCL – sie alle setzen auf vergleichbare Mechanismen, oft unter Mitwirkung spezialisierter Dienstleister wie SambaTV. Und die Sache hat längst auch juristische Konsequenzen: Der texanische Generalstaatsanwalt hat Samsung und weitere Hersteller wegen ACR-gestützter Massenerfassung von Sehgewohnheiten verklagt. Samsung hat sich im Zuge eines Vergleichs verpflichtet, ACR-Daten von Betroffenen künftig nur noch mit ausdrücklicher Zustimmung zu erheben. Schon 2017 war der TV-Hersteller Vizio von der US-Handelsaufsicht FTC verklagt worden, weil er Sehdaten ohne Einwilligung gesammelt und verkauft hatte. Wer also glaubt, mit einem anderen Markenlogo aus dem Problem auszusteigen, tauscht nur den Absender.

Das TV-Menü als Selbstverteidigungskurs

Die gute Nachricht: ACR lässt sich bei allen gängigen Marken abschalten, auch wenn die Hersteller die Option gern tief in den Menüs vergraben und Firmware-Updates sie mitunter wieder aktivieren. Ein Blick alle paar Monate lohnt sich also durchaus.

Hersteller Bezeichnung der Funktion Fundort im Menü (üblicher Pfad)
LG Live Plus Einstellungen > Alle Einstellungen > Allgemein > Datenschutz & Nutzungsbedingungen
Samsung Viewing Information Services / interessenbasierte Werbung Einstellungen > AGB & Datenschutz bzw. Smart Hub-Datenschutz
Sony Samba Interactive TV Einstellungen > Alle Einstellungen > Datenschutz
Hisense / TCL (VIDAA, Google TV) Inhaltserkennung / Smart-Konfiguration Datenschutzeinstellungen bzw. Anzeige & Ton > Intelligente Konfiguration

Wichtig dabei: ACR abzuschalten ist Pflichtprogramm, aber keine Garantie. Die LG-Recherche legt nahe, dass abgeschaltete Optionen nicht immer das tun, was sie versprechen. Wer es wirklich ernst meint, kombiniert die Menüeinstellung mit Kontrolle auf Netzwerkebene und lässt mal einen Fachmann in den Router schauen.

Zurück zur Röhre oder doch lieber zur Firewall

Nein, den Röhrenfernseher müsst ihr nicht aus dem Keller holen. Aber ein bisschen Netzwerkhygiene ersetzt den Antennenwald von früher. Ein eigenes VLAN oder zumindest ein Gäste-WLAN für den Fernseher trennt ihn von Rechnern, Handys und der restlichen Haustechnik. Ein Pi-hole oder eine ähnliche DNS-Filterlösung blockt viele Tracking- und Telemetrie-Server, bevor überhaupt Daten rausgehen. Und wer ganz konsequent sein will, betreibt den smarten Teil des Fernsehers gar nicht erst am Internet, sondern nutzt ihn nur als Bildschirm für einen externen Streaming-Player - wobei auch Fire-TV-Sticks und Co. ihre eigenen Datensammelgewohnheiten mitbringen. Eine hundertprozentig saubere Lösung gibt es aktuell schlicht nicht zu kaufen.

Für Unternehmen, die Smart-TVs in Besprechungsräumen oder im Empfangsbereich einsetzen, ist das mehr als eine Privatsphärenfrage. Ein Gerät, das unkontrolliert Daten nach außen sendet, gehört in jede Firmen-Security-Policy, erst recht, wenn im selben Netzwerk sensible Systeme hängen.

Ich glotz TV

Der LG-Fall ist kein Einzelschicksal eines schlecht programmierten Geräts. Er ist die Quittung dafür, dass sich der Fernseher vom passiven Empfänger zum aktiven Sender gewandelt hat, ohne dass die meisten Käufer das je bewusst entschieden hätten. Die Röhre kommt nicht zurück, und das muss sie auch nicht. Aber ein Fernseher, der nach dem Auspacken erst mal ins Menü statt ins Programm führt, ist inzwischen die realistischere Vorstellung von Fernsehen im Jahr 2026 und ein guter Anlass, den eigenen Router genauso ernst zu nehmen wie früher die Zimmerantenne.

17.09.2026

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