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Lieber in den Weltraum als nach Maintal

Rechenzentren im AllMorgen soll auf der Vandenberg Space Force Base in Kalifornien eine Falcon 9 abheben. An Bord, zwischen den Satelliten vieler anderer Kunden: ein Kasten etwa so groß wie ein Kühlschrank. Google hat ihn „MVP“ getauft. Drin stecken vier KI-Chips. Rund 9.000 Kilometer östlich, in Maintal bei Frankfurt, liegt derweil ein Rechenzentrumsprojekt auf Eis. Das Stromnetz hätte es frühestens 2037 versorgen können...

Zwei Meldungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Auf den zweiten erzählen sie dieselbe Geschichte: Rechenleistung ist zur knappsten Ressource der Digitalwirtschaft geworden. Und wer sie am Boden nicht bekommt, schaut sich eben woanders um. Notfalls in der Erdumlaufbahn, da ist es ja auch ganz schön.

Ein Kühlschrank mit vier Chips

Zuerst die Luft raus aus dem Hype. Google schickt kein Rechenzentrum ins All, jedenfalls noch nicht. Google schickt einen Server ins All. Der Testsatellit trägt vier Tensor Processing Units der Generation Trillium, Googles hauseigene KI-Beschleuniger. Die Solarpanels liefern ihnen rund ein Kilowatt Leistung. Das entspricht laut New York Times ungefähr der Rechenkraft eines einzelnen Servers in einem gewöhnlichen Rechenzentrum. Ein großes KI-Rechenzentrum am Boden beherbergt Tausende solcher Chips.

Das Ganze heißt „Project Suncatcher“, Google hatte es im November 2025 vorgestellt. Gebaut hat den Satelliten der Erdbeobachtungsspezialist Planet. Ursprünglich wollten beide erst 2027 zwei eigens konstruierte Prototypen starten. Dann bot sich die Chance, die Chips auf einem Planet-Satelliten unterzubringen, der ohnehin schon in Arbeit war. Also fliegt jetzt eine Art Vorab-Labor mit.

Die Leitfrage formuliert Projektchef Travis Beals denkbar schlicht: Funktioniert unsere KI-Hardware im All überhaupt? Am Boden hat sie einiges ausgehalten. Google rüttelte den Satelliten auf allen drei Achsen durch, um die Vibrationen eines Raketenstarts zu simulieren. Im Protonenstrahl eines Labors der University of California in Davis überstanden die Chips nach Googles Angaben eine Strahlendosis, die über dem liegt, was sie in fünf Jahren im Orbit abbekämen.

Warum ausgerechnet da oben?

Googles Hauptargument ist die Sonne. Satelliten in einer passenden niedrigen Umlaufbahn stehen fast ununterbrochen im Licht. Keine Nacht, keine Wolken, keine Atmosphäre. Ihre Solarmodule können laut Google bis zu achtmal so viel Strom erzeugen wie exakt dieselben Module am Boden.

Die langfristige Vision ist entsprechend groß. Google skizziert Cluster aus 81 Satelliten, die in engem Verbund fliegen und über Laser miteinander kommunizieren. Das ist anspruchsvoller, als es klingt. Beals vergleicht die nötige Präzision damit, aus kilometerweiter Entfernung eine Münze zu treffen, während sich Schütze und Ziel beide bewegen. Getestet werden soll das 2027 mit zwei weiteren Satelliten.

Und wann rechnet sich das? Google hat selbst eine Schwelle genannt: Sinken die Startkosten in die niedrige Erdumlaufbahn auf etwa 200 Dollar pro Kilogramm, wären die umgelegten Transportkosten ungefähr vergleichbar mit den Energiekosten eines Rechenzentrums in den USA. Heute liegt selbst die Falcon 9 deutlich darüber. Google peilt diesen Punkt für Mitte der 2030er-Jahre an.

Die Liste der Probleme ist länger als der Countdown

Kritik gibt es reichlich, und sie ist durchaus fundiert. Das Analystenhaus Gartner nannte den Run auf orbitale Rechenzentren Anfang des Jahres einen „Höhepunkt des Wahnsinns“. Die Datenverbindung zwischen Erde und All sei ein Flaschenhals, die Startkosten zu hoch. Gartner-Forschungsdirektor Henrique Cecci erwartet mindestens ein weiteres Jahrzehnt lang keine breite Verbreitung.

Dann die Physik. Im All ist es zwar kalt, aber es gibt keine Luft, die Wärme abtransportiert. Chips lassen sich nur über Strahlung ins Vakuum kühlen. Wie hart das ist, zeigt ein Detail, das Beals der New York Times verriet: Die TPUs an Bord können derzeit nur etwa 15 Minuten am Stück rechnen, dann müssen sie zum Abkühlen pausieren. Für ein KI-Training, das wochenlang durchläuft, ist das ein Witz. Für einen ersten Test ist es ein ehrlicher Befund.

Dazu kommen Weltraumschrott in einer ohnehin vollen Umlaufbahn und die Frage der Wartung. Fällt im Rechenzentrum in Frankfurt eine Platine aus, schiebt ein Techniker eine neue ins Rack. Im Orbit bleibt meist nur die Abschreibung.

Google ist mit der Idee übrigens nicht allein. Das Start-up Starcloud hat bereits einen Satelliten mit einem Nvidia-Chip im All, SpaceX und Blue Origin bemühen sich um Genehmigungen für eigene Rechencluster im Orbit. Elon Musk hat bei der US-Kommunikationsbehörde FCC sogar den Start von bis zu einer Million Satelliten für orbitale Rechenzentren beantragt. Wenn mehrere Konzerne unabhängig voneinander bei derselben verrückten Idee landen, ist die Idee vielleicht gar nicht der interessante Teil. Sondern das Problem, das sie lösen soll.

Unterdessen in Maintal

Das Problem kennt man in Hessen sehr genau. Im Rhein-Main-Gebiet entstehen so viele Rechenzentren wie nirgends sonst in Deutschland. In Frankfurt entfallen Schätzungen zufolge bereits rund 40 Prozent des Stromverbrauchs auf sie. Das Netz kommt nicht hinterher, auch wenn allerorten die Landschaft mit Windkraftanlagen zugespargelt wird. Deshalb planen Betreiber eigene Gaskraftwerke, die den Strom liefern sollen, bis der Netzanschluss steht.

In Maintal wollte der US-Betreiber EdgeConneX genau das tun. Das Kraftwerk sollte die Versorgung überbrücken, bis zum Netzanschluss im Jahr 2037. Anwohner gingen auf die Barrikaden, die Stadtverordneten zogen mit. Das Unternehmen legte das Projekt vorerst auf Eis, es wolle nicht gegen den Willen der Bevölkerung bauen. In Groß-Gerau lehnte die Kommunalpolitik ebenfalls ein Gaskraftwerk für ein Rechenzentrum ab. Im brandenburgischen Freyenstein formiert sich eine Bürgerinitiative gegen einen Rechenzentrumscampus, obwohl dort bislang nur erste Ideen existieren.

Man sollte die Argumente der Anwohner nicht wegwischen. Sie fürchten Lärm, Hitze und fossile Kraftwerke vor der Haustür. Die Gewinne fließen an Konzerne, die Belastung bleibt vor Ort. Das ist kein irrationaler Protest, das ist eine nachvollziehbare Rechnung aus Sicht einer Kleinstadt.

Ein rein deutsches Phänomen ist das übrigens auch nicht. Im US-Bundesstaat Virginia, dem weltweit größten Rechenzentrumsstandort überhaupt, hat Loudoun County im September beschlossen, neue Anträge für Rechenzentren vorerst auf Eis zu legen. Der Widerstand wächst überall. Der Unterschied liegt darin, was ein Land daraus macht.

Alle wollen KI, keiner will das Kraftwerk

Hier wird es unbequem. Wir alle nutzen KI-Assistenten, streamen, speichern unsere Fotos in der Cloud und erwarten, dass die Buchhaltungssoftware schneller wird. Aber die Infrastruktur dafür soll bitte woanders stehen. Beim Strom ist es dasselbe. Die US-Hyperscaler sichern sich längst Atomstrom: Microsoft kauft den Strom eines Reaktors am früheren Unglücksstandort Three Mile Island, der dafür wieder ans Netz gehen soll, Google hat Verträge über kleine modulare Reaktoren geschlossen. Deutschland hat seine letzten Kernkraftwerke 2023 abgeschaltet und streitet jetzt über Gaskraftwerke.

Man muss kein Atomkraft-Fan sein, um die Pointe zu sehen. Die Energiefrage ist für Rechenzentren existenziell. Wer keine Antwort darauf hat, bekommt keine Rechenzentren. Das All ist in diesem Licht eine ziemlich teure Art, dem Nachbarschaftsstreit aus dem Weg zu gehen. Da oben gibt es keine Bürgerinitiative der vereinigten Kleingärtner.

Wer baut, vermietet. Wer diskutiert, mietet.

Die Zahlen zeigen, wie groß die Lücke schon ist. Die USA verfügten laut Bitkom bereits 2024 über 16-mal so viel Rechenzentrumsleistung wie Deutschland im Jahr 2025. Allein die zehn größten US-Rechenzentren übertreffen die Kapazität aller rund 2.000 deutschen Standorte zusammen. Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder warnt vor Deutschland als „Datenkolonie“.

Die Beratungsgesellschaft KPMG verweist auf die Genehmigungen: Während andere EU-Länder Rechenzentren in Wochen genehmigen, dauert es in Deutschland über ein Jahr. Im internationalen Data Center Location Index landet Deutschland auf Platz 26. Die Niederlande dagegen behandeln Rechenzentren als Infrastruktur von überörtlicher Bedeutung.

Immerhin tut sich etwas. Die EU will mit mehreren sogenannten KI-Gigafactories aufholen, jede mit mehr als 100.000 KI-Chips. Der Wettbewerb um die Standorte läuft seit Ende Juli, die Bundesregierung hat erklärt, mindestens eine davon nach Deutschland holen zu wollen. Ein gutes Ziel. Nur müssen die Gigafactories am Ende auch irgendwo stehen. In einem Gewerbegebiet. Mit Netzanschluss. Neben Menschen, die dort wohnen.

Für Unternehmen, auch für kleine, ist das keine abstrakte Standortdebatte. Wer heute eine KI-Anwendung baut, mietet die Rechenleistung dafür fast immer bei Amazon, Microsoft oder Google. Zu deren Preisen, nach deren Regeln, im Zweifel nach US-Recht. Das funktioniert, solange das Verhältnis entspannt ist. Strategisch unabhängig ist man damit nicht.

Das All als Rauchmelder

Wird Google in zehn Jahren seine KI in der Umlaufbahn trainieren? Vielleicht. Vielleicht bleibt Suncatcher ein teures Forschungsprojekt, das nebenbei bessere Kühlsysteme und strahlungsfeste Chips hervorbringt. Beides wäre ein ordentliches Ergebnis.

Der eigentliche Wert der Mission liegt woanders. Sie funktioniert wie ein Rauchmelder. Wenn einer der größten Konzerne der Welt es für eine ernsthafte Option hält, Server auf Raketen zu schnallen, dann sagt das weniger über die Raumfahrt als über die Lage am Boden. Strom, Flächen, Genehmigungen, Akzeptanz: Genau dort klemmt es.

Europa hat in diesem Rennen keine Raketen im Rücken, aber Ingenieure, Industrieflächen und Geld. Was fehlt, ist die Haltung, Rechenleistung als Fähigkeit zu begreifen, die man aufbaut, statt als Risiko, das man verwaltet. Solange es realistischer wirkt, Chips im Vakuum zu kühlen, als vor 2037 Netzstrom nach Maintal zu bekommen, sollten wir nicht nach oben schauen. Sondern in den Spiegel.

Illustration: KI-generiert

Quellen

30.09.2026

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