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Makro 2.0: Das Marketing baut sich seine Software jetzt selbst

Copilot Code - Apps bauen ohne ProgrammierenMontagmorgen, irgendein Marketingteam in Deutschland. Jemand kopiert Klickzahlen aus Google Analytics, Kampagnendaten aus dem Werbekonto und Leads aus dem CRM in eine Excel-Tabelle. Das dauert zwei Stunden, jede Woche. Microsoft verspricht jetzt: Diesen Job erledigt künftig ein Satz. „Bau mir ein Dashboard, das jeden Montag die Kampagnenzahlen zusammenführt.“ Fertig.

So jedenfalls beschreibt Search Engine Watch die neue Funktion Copilot Code. Marketer sollen damit eigene Dashboards, Kampagnen-Tracker und Automationen bauen und das ganz ohne klassische Programmierkenntnisse. Klingt nach dem Ende der Montagsroutine. Es klingt aber auch nach etwas, das jeder kennt, der sich schon mal mit einem zwölf Jahre alten Excel-Makro herumärgern musste.

Was hat Microsoft da eigentlich gebaut?

Copilot Code ist Teil eines größeren Umbaus. Am 25. September stellte Microsoft eine neue Copilot-App vor, die aus drei Bausteinen besteht. Vorgestellt hat sie Jared Spataro, bei Microsoft Marketingchef für den Bereich „AI at Work“.

Baustein Was er tut Status
Home Chat, Aufgaben delegieren („Cowork“), dazu eingebettet Word, Excel und PowerPoint Frühzugang über das Frontier-Programm
Code Baut aus einer Beschreibung in normaler Sprache Apps, Dashboards, Tracker und Automationen Frühzugang über das Frontier-Programm
Autopilot Autonomer Agent mit eigener Identität, eigenem Gedächtnis und Arbeitsbereich, ansprechbar in Teams und Outlook Private Preview ab Ende September

Für Marketer ist Code der spannende Teil. Man beschreibt, was man braucht, und Copilot entscheidet selbst über den technischen Weg. Laut Search Engine Watch entstehen so interne Reporting-Dashboards, Kampagnen-Tracker, Workflow-Werkzeuge, Desktop-Widgets oder kleine Web-Apps, die in der Cloud laufen. Unter der Haube steckt dieselbe Technik wie bei GitHub Copilot, dem Programmierassistenten, den Entwickler seit Jahren nutzen. Die Anwendungen laufen in einer abgeschotteten Umgebung, einer sogenannten Sandbox, und zwar im Microsoft-365-Konto des eigenen Unternehmens. Die IT behält damit zumindest theoretisch den Überblick.

Bis das in deutschen Büros ankommt, dauert es allerdings noch. Home und Code gehen in den nächsten Wochen zunächst an Teilnehmer von Microsofts Frühzugangsprogramm Frontier, eine breitere Verfügbarkeit soll folgen. Mehr Details will Microsoft auf seiner hauseigenen Ignite-Konferenz im November verraten.

Warum die Eile?

Ein Blick auf die Zahlen erklärt den Druck. Nach Angaben aus dem Umfeld der Vorstellung tragen weniger als sieben Prozent der über 450 Millionen kommerziellen Microsoft-365-Arbeitsplätze eine Copilot-Lizenz. Im Juli meldete Microsoft gut 30 Millionen bezahlte Copilot-Plätze. Das ist viel, aber gemessen an der installierten Basis ein Bruchteil.

Gleichzeitig drängen sich Anthropic und OpenAI mit eigenen Werkzeugen in genau diese Bresche. Ein Microsoft-Manager räumte laut Bericht sogar ein, dass man beim Thema Programmieren für Nicht-Entwickler aufholen müsse. Bemerkenswert: In Code lassen sich Modelle verschiedener Anbieter auswählen. Microsoft setzt also nicht nur auf die eigene Technik, sondern auf den Platz, an dem die Leute ohnehin arbeiten. Wer Outlook, Teams und Excel schon offen hat, soll also gar nicht erst auf die Idee kommen, bei der schönen Nachbarin zu schauen.

Ein Satz rein, eine App raus und was kostet das?

Kostenlos ist das Ganze nicht, und hier lohnt der zweite Blick. Microsoft stellt das Preismodell um. Die monatliche Lizenz pro Nutzer deckt künftig nur die Standardfunktionen ab: chatten, zusammenfassen, Texte entwerfen. Cowork, Code und Autopilot rechnet Microsoft nach Verbrauch ab, über sogenannte Copilot Credits. Unternehmen sollen dafür Ausgabengrenzen setzen können.

Übersetzt heißt das: Jedes Dashboard, das sich jemand im Marketing zusammenklickt, verbraucht Rechenleistung, und die taucht auf einer Rechnung auf. Wer seinen Teams Code freischaltet, ohne Budgets festzulegen, erlebt womöglich eine ähnliche Überraschung wie beim ersten Cloud-Konto ohne Kostenalarm.

Die Excel-Hölle hat einen Nachfolger

Jetzt der unbequeme Teil. Selbstgebaute Werkzeuge in Fachabteilungen sind nichts Neues. Seit Jahrzehnten leben Unternehmen mit Excel-Mappen, deren Makros niemand mehr versteht, weil die Kollegin, die sie gebaut hat, vor sechs Jahren gekündigt hat. Access-Datenbanken, Power-Apps, Zapier-Ketten: Die Werkzeuge wechseln, das Muster bleibt. Copilot Code senkt die Hürde jetzt noch einmal drastisch. Und damit steigt aber auch die Zahl der kleinen Anwendungen, die irgendwann niemand mehr betreut.

Search Engine Watch nennt die entscheidenden Prüffragen selbst: Stimmen die Berechnungen? Lässt sich das Werkzeug warten? Und ist es wirklich günstiger als ein Tool, das man schon hat? Wer je ein falsch verknüpftes Dashboard gesehen hat, weiß, wie schnell sich ein Fehler in einer Formel in eine falsche Budgetentscheidung verwandelt. Eine KI, die Code schreibt, schreibt auch fehlerhaften Code. Sie tut es nur schneller und überzeugender.

Datenschützer und Berater warnen vor einer neuen Spielart der Schatten-IT. Die Beratungsgesellschaft KPMG beschreibt das Muster: Prototypen werden unter der Hand zu produktiven Systemen, ohne Tests, ohne Überwachung, ohne klare Verantwortung. Dazu kommen Eingaben, die vertrauliche Geschäftsdaten enthalten, und ein Flickenteppich aus Datenmodellen, die nicht zueinander passen. Der Datenschutz-Blog datenschutzticker.de ergänzt die DSGVO-Seite: Wer mit personenbezogenen Daten hantiert, muss das im Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten dokumentieren. Das gilt auch für das Dashboard, das jemand am Freitagnachmittag in zehn Minuten gebaut hat.

Microsofts Antwort darauf ist die Sandbox im eigenen Tenant und die Verwaltung durch die IT. Das ist deutlich besser als ein Wildwuchs aus kostenlosen Online-Tools mit Servern irgendwo auf der Welt. Es ersetzt aber nicht die Frage, wer für eine Anwendung geradesteht, wenn sie falsch rechnet.

Was heißt das für Agenturen wie TAGWORX.NET?

Wir wären unehrlich, wenn wir die Frage nicht stellen würden. Einen Teil unserer Arbeit machen kleine interne Werkzeuge aus: ein Reporting hier, eine Code-Dokumentation da, ein Formular mit Datenbank dort, eine Automation zwischen Shop und Newsletter. Genau dieses Segment greift Copilot Code an. Und das ist in Ordnung. Niemand sollte eine Agentur beauftragen müssen, um fünf Zahlen aus drei Systemen in eine Tabelle zu holen.

Der Wert verschiebt sich. Weg vom Bauen der zehnten Kampagnenübersicht, hin zu den Fragen, die eine KI nicht für einen beantwortet. Welche Daten sind die Wahrheit, wenn Analytics und CRM sich widersprechen? Wo liegen die Schnittstellen, und wer darf was sehen? Welche der fünfzig selbstgebauten Apps verdient es, ein echtes, gewartetes System zu werden? Das Bauen wird billig. Das Dokumentieren, Aufräumen, Absichern und Weiterentwickeln bleibt Handwerk.

Für Marketingteams heißt das ganz praktisch: ausprobieren, sobald es verfügbar ist. Aber vorher drei Dinge klären. Wer darf bauen? Welche Daten dürfen hinein? Und wer schaut drüber, bevor ein Dashboard Grundlage für Budgetentscheidungen wird?

Zehn Minuten gebaut, zehn Jahre im Einsatz

Die eigentliche Verschiebung ist kulturell, nicht technisch. Software war bisher etwas, das man bestellt, einkauft oder beantragt. Mit Werkzeugen wie Copilot Code wird sie zu etwas, das man nebenbei macht, wie eine Präsentation oder eine Pivot-Tabelle. Das ist ein echter Gewinn für alle, die bisher montags zwei Stunden lang Zahlen kopiert haben.

Nur hat Nebenbei-Software eine unangenehme Eigenschaft: Sie überlebt ihre Erbauer. Irgendwann im Jahr 2036 wird jemand ein Dashboard öffnen, das im Herbst 2026 an einem Freitagnachmittag entstanden ist. Die Person, die es gebaut hat, arbeitet längst woanders. Die KI, die es geschrieben hat, gibt es in dieser Version nicht mehr. Und die Frage, ob die Zahlen darin stimmen, stellt sich genauso wie bei jedem alten Excel-Makro. Nur dass diesmal niemand behaupten kann, er hätte es nicht kommen sehen. Aber immerhin kann man in 10 Jahren eine KI drüberscheuen lassen, welcher Bullshit damals verzapft worden ist und was er eigentlich bedeutet.

Quellen

30.09.2026

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