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Own it! Die MEDIENTAGE München werden 40 und stellen die Machtfrage
Vom 21. bis 23. Oktober feiert die Branche bei den MEDIENTAGEN München 2026 im Werksviertel ihr 40-jähriges Jubiläum. Und neben Sekt und Selbstbeweihräucherung gibt es eine unbequeme Frage: Wem gehört eigentlich noch die digitale Öffentlichkeit?
Das Motto lautet „Own it!“. Zwei Wörter, ein Ausrufezeichen und dahinter steckt ein ziemlich ehrliches Eingeständnis. Die Veranstalter beschreiben die Lage selbst als ernüchternd: Öffentlichkeit findet heute fast nur noch auf den Spielfeldern der großen Tech-Konzerne statt. Aus der praktischen Vertriebspartnerschaft mit Google, Meta und Co. wurde über die Jahre eine handfeste Abhängigkeit. Jetzt kommt die KI-Suche dazu und gräbt den Websites den Traffic ab. Wer sichtbar bleibt und wie sich Inhalte noch refinanzieren lassen, entscheidet 2026 im Zweifel ein Algorithmus in Kalifornien.
Die MEDIENTAGE wollen deshalb drei Tage lang über digitale Souveränität, technologische Unabhängigkeit und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz streiten. Und zwar laut.
Die Zahlen hinter dem Jubiläum
Erst mal die harten Fakten: Mehr als 350 Speakerinnen und Speaker treten in über 100 Panels, Talks, Masterclasses und Meetups auf. Hauptquartier ist das House of Communication der Serviceplan Group an der Friedenstraße. Gespielt wird aber im ganzen Werksviertel, im Technikum, im Werk 1.4 und eben im Riesenrad Umadum, das eigene „Riesenrad-Talks“ bekommt. Insgesamt bespielen die Organisatoren fünf farbige Hauptbühnen plus Media Idol Stage, Meetup Stage und die Gondeln.
Veranstalter ist die Medien.Bayern GmbH, gefördert von der Bayerischen Staatskanzlei und der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). Tickets gibt es ab rund 41 Euro. Wer eins hat, kommt auch auf die „Media For You“, die Karrieremesse für Schülerinnen, Schüler und Studierende.
Von der Bratpfanne zum Algorithmus
Vierzig Jahre sind in der Medienbranche eine Ewigkeit. Als die erste Ausgabe im November 1987 im Europäischen Patentamt und im Künstlerhaus startete, gab es weder Podcasts noch Social Media und das Privatfernsehen steckte in den Kinderschuhen.
Der Rückblick der Veranstalter liest sich wie ein Best-of deutscher Medienfehden. Da wäre der jahrelange Zoff zwischen Verleger Hubert Burda und dem ZDF um eine Bratpfanne. Ja, richtig gelesen: Der Sender verkaufte im eigenen Online-Shop Küchenzubehör, Burda fand das unlauter. 2001 sprang ihm Bayerns damaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber auf der MTM-Bühne bei und sah beim gebührenfinanzierten Pfannenverkauf klar eine Grenze überschritten. Heute trennt ein Staatsvertrag Content und Kommerz.
Legendär auch die Sticheleien zwischen MTV-Chefin Christiane zu Salm und VIVA-Gründer Dieter Gorny, der sie als „Pop-Prinzessin“ verspottete. Die Pointe schrieb die Geschichte: 2005 schluckte MTV den defizitären Kölner Konkurrenten. Und über Jahre moderierte FOCUS-Gründer Helmut Markwort die „Elefantenrunde“ der Senderchefs, mal launig, mal schmerzhaft. 2002 schrumpfte er den ARD-Vorsitzenden Fritz Pleitgen kurzerhand zum „Fritze“.
Eine kleine Fußnote für die Partyrunde: Barbara Schöneberger jobbte in den 1990ern als Messe-Hostess bei den MEDIENTAGEN. Und laut Auswertung aller Programmhefte war die Zukunft des Fernsehens das häufigste Session-Thema der vergangenen vier Jahrzehnte. Das beliebteste Bühnenzitat? „Content is King“. Manche Dinge ändern sich eben nie.
Markwort selbst zieht im Jubiläums-Programmheft eine selbstbewusste Bilanz: München und Bayern hätten den Wettlauf der Medienstandorte gewonnen. Sein Nachsatz: „Wir spielen weiter.“
Söder, Schaake und die Tech-Bro-Frage
Die Frage ist nur: nach wessen Regeln? Genau darum dreht sich der MEDIENTAGE-Gipfel am Mittwoch, 21. Oktober, um 10:30 Uhr auf der Blue Stage. Er trägt schlicht das Motto als Titel. Auf dem Podium sitzen unter anderem Ministerpräsident Markus Söder, BR-Intendantin Katja Wildermuth, Marco Giordani von ProSiebenSat.1, Jochen Wegner von der ZEIT und Marietje Schaake. Die ehemalige EU-Abgeordnete forscht heute in Stanford und gehört zu den schärfsten Kritikerinnen der Macht von Big Tech. Für den satirischen Blick auf vier Jahrzehnte Medienwandel sorgt Schauspielerin Valerie Niehaus.
Direkt danach wird es noch deutlicher. Carole Cadwalladr, die Journalistin, die den Cambridge-Analytica-Skandal aufgedeckt hat, spricht mit Richard Gutjahr darüber, wie sich Macht in Zeiten algorithmischer Kontrolle zurückerobern lässt. Der Titel ihrer Session: „Beyond the Tech Bro Empire“. Am Donnerstag legt der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen nach und spricht vom „digitalen Feudalismus“. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass hier niemand Valley-Merch tragen wird.
KI: Werkzeug, Konkurrent oder Leser?
Künstliche Intelligenz zieht sich durch alle drei Tage. Spannend wird es dort, wo die Diskussion konkret wird. Ein Masterclass-Titel von Amazon Web Services bringt die neue Realität auf den Punkt: „Wenn Euer Publikum aus Agenten besteht“. Die These: KI-Traffic könnte zur dritten Einnahmequelle für Medien werden, neben Werbung und Abos. Wer bisher dachte, seine Leser seien Menschen, darf umdenken.
Ebenfalls am Donnerstag erklärt eine Masterclass, wie man KI-Inhalte nach dem EU AI Act richtig kennzeichnet und dokumentiert. Abends um 18 Uhr geht es dann ans Eingemachte: Die GEMA und Medienrechtler diskutieren, was die Münchner Verfahren gegen OpenAI, Suno und Co. für das Urheberrecht bedeuten. Am Freitag fragt der AI Summit unverblümt: „Wem gehört die KI?“ Dort treffen Bayerns Digitalminister Fabian Mehring, die Grünen-Europaabgeordnete Alexandra Geese, Google, das DFKI und das Center for Sovereign AI aufeinander. Das verspricht Reibung.
Die Sessions, für die sich der Weg ins Werksviertel lohnt
| Wann | Wo | Session | Warum hingehen |
|---|---|---|---|
| Mi, 21.10., 10:30 | Blue Stage | MEDIENTAGE-Gipfel „Own it!“ | Politik, Sender und Big-Tech-Kritik auf einem Podium |
| Mi, 21.10., 13:30 | Blue Stage | Beyond the Tech Bro Empire | Carole Cadwalladr über Macht und Algorithmen |
| Mi, 21.10., 13:30 | Yellow Stage | Unter Beschuss: Cybersecurity als Kernaufgabe | Angriffe auf Medienhäuser sind kein Randthema mehr |
| Mi, 21.10., 14:45 | Riesenrad Umadum | Cybersecurity: 72 Stunden Ausnahmesituation | Praxisbericht aus dem Münchner Privatradio – mit Aussicht |
| Do, 22.10., 10:00 | Blue Stage | TV-Gipfel: Wagnis oder Nummer sicher | YouTube, Netflix, RTL, ARD und ProSieben an einem Tisch |
| Do, 22.10., 14:30 | Red Stage | Wenn Euer Publikum aus Agenten besteht | KI-Bots als zahlende Leserschaft? |
| Do, 22.10., 16:00 | Red Stage | KI & Transparenz nach dem EU AI Act | Kennzeichnungspflichten ganz praktisch |
| Do, 22.10., 18:00 | Red Stage | Urheberrecht schlägt KI | Was die Münchner Verfahren gegen OpenAI und Suno bedeuten |
| Fr, 23.10., 10:00 | Green Stage | AI Summit: Wem gehört die KI? | Souveräne KI zwischen Brüssel, München und Mountain View |
| Fr, 23.10., 15:30 | Blue Stage | Journalism Summit: Own your responsibility | Unter anderem mit ORF-Anchor Armin Wolf |
Rund um die Konferenz läuft das übliche Abendprogramm in großem Stil: Bereits am Vorabend, dem 20. Oktober, werden in der ASTOR Film Lounge im ARRI die International Eyes & Ears Awards verliehen. Am 21. Oktober folgen der „Blauer Panther – TV & Streaming Award“ und die Nacht der Medien in der BMW Welt.
Was das alles mit deiner Website zu tun hat
Jetzt könnte man sagen: Schön für ARD, RTL und die Süddeutsche, aber was hat ein Handwerksbetrieb, ein Verein oder ein Onlineshop damit zu tun? Eine ganze Menge. Denn das Problem, das die MEDIENTAGE verhandeln, kennt jedes Unternehmen mit Internetauftritt.
Wer seine Kundschaft ausschließlich über Instagram, Facebook oder Google-Profile erreicht, baut sein Geschäft auf gemietetem Grund. Ändert der Vermieter die Hausordnung, also den Algorithmus, bricht die Reichweite über Nacht ein. Und wenn KI-Suchmaschinen Fragen direkt beantworten, klickt niemand mehr auf den Link zur eigenen Seite. Das trifft große Verlage ebenso wie Steuerberater, dessen Ratgeberartikel plötzlich in einer KI-Antwort verschwinden, ohne dass jemand je seine Website sieht.
„Own it!“ heißt für den Mittelstand deshalb ganz praktisch: eigene Website statt nur Social-Media-Profil. Eigene Daten statt Tracking-Abhängigkeit. Eigener Newsletter statt Hoffnung auf den Feed. Hosting in Europa statt in irgendeiner Cloud, deren Rechenzentrum niemand kennt. Und eine Sicherheitsarchitektur, die den Namen auch verdient hat.
Vierzig Jahre später, gleiche Frage, neue Gegner
1987 stritt die Branche darüber, ob Private neben Öffentlich-Rechtlichen eine Chance haben. 2001 ging es um eine Bratpfanne. 2026 geht es um die Frage, ob Medienhäuser überhaupt noch Herr im eigenen Haus sind oder nur noch Zulieferer für Plattformen und Sprachmodelle.
Das Gute an einem Motto mit Ausrufezeichen: Es ist eine Aufforderung, keine Beschreibung. Ob die Branche ihr Haus zurückerobert, entscheidet sich nicht auf den Bühnen im Werksviertel. Sondern am Montag danach, wenn alle wieder an ihren Schreibtischen sitzen. Aber für drei Tage im Oktober darf man in München schon mal üben, den Schlüssel in die Hand zu nehmen.
Alle Infos zum Programm und Tickets gibt es unter www.medientage.de.
07.10.2026
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