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Software is over. Was steckt hinter den Crafting Apps?

Crafting Apps: Kostenlose Adobe-Alternative im RealitätscheckAnfang Oktober tippt ein Entwickler aus Atlanta drei Wörter in Hacker News: „Software is over.“ Er habe Photoshop mit einem einzigen Anlauf nachgebaut. Dann Illustrator, Premiere, Lightroom, InDesign, Acrobat und After Effects. Ein paar Tage später kommen Word, Excel, PowerPoint und AutoCAD dazu. Alles kostenlos, alles quelloffen, alles von einer KI geschrieben. Das Internet rastet aus, GitHub verteilt Sterne wie Konfetti, und in Tausenden Kreativbüros schwebt der Mauszeiger über dem Kündigungsbutton der Creative Cloud.

Macht langsam, bitte noch nicht klicken. Wir haben uns die sogenannten „Crafting Apps“ genauer angesehen. Die Geschichte ist besser als die Software. Und deutlich komplizierter als die Schlagzeilen.

Ein Mann und sehr viele Tokens

Der Entwickler heißt Brandon Thomas. Er betreibt mit ArtCraft ein kleines Studio, das Credits für KI-Bild- und Videogenerierung verkauft. Sein Motiv für das Projekt ist herrlich menschlich: Adobe hat ihm beim Abo-Ausstieg eine Kündigungsgebühr berechnet. Das hat er offenbar nicht verziehen.

Laut heise entstanden im ersten Anlauf sieben Programme in rund zehn Tagen, mit massiver Hilfe von Anthropics KI-Modell Claude Opus 5.5. Thomas ließ die KI nach eigener Darstellung die Bedienoberflächen und Funktionen der Vorbilder analysieren und den Code in der Programmiersprache Rust komplett neu schreiben. Inzwischen umfasst die Familie mehr als ein Dutzend Apps:

  • Kreativ: PhotoCraft (Photoshop), VectorCraft (Illustrator), FilmCraft (Premiere Pro), LightCraft (Lightroom), PdfCraft (Acrobat), EffectCraft (After Effects), DesignCraft (InDesign)
  • Büro: WordCraft, GridCraft und DeckCraft für Word, Excel und PowerPoint
  • Sonstiges: CADCraft für AutoCAD, SoundCraft für Pro Tools, FigCraft für Figma

Die Namensgebung ist ungefähr so subtil wie ein Hupkonzert. Alle Apps stehen unter MIT- oder Apache-2.0-Lizenz, laufen unter Windows, macOS und Linux, brauchen kein Konto und senden laut Entwickler keine Telemetrie. Und sie lassen sich über Kommandozeile, JSON-Schnittstelle und MCP-Server von KI-Agenten fernsteuern. Die Software, die eine KI geschrieben hat, soll also künftig auch von einer KI bedient werden. Der Mensch darf dann das Ergebnis exportieren. Oder so ähnlich.

Adobe hat sich das selbst eingebrockt

Bevor jetzt jemand Mitleid mit dem Konzern aus San José bekommt: Adobe hat diesen Moment jahrelang vorbereitet. Auf der US-Website kostet Creative Cloud Standard aktuell 54,99 Dollar im Monat, die Pro-Variante 69,99 Dollar – jeweils im Jahresabo mit monatlicher Zahlung. Wer vorzeitig raus will, zahlt drauf. Genau diese Praxis brachte Adobe eine Klage der US-Regierung ein, die mit einem millionenschweren Vergleich endete. Adobe bestreitet bis heute jedes Fehlverhalten.

Bemerkenswert ist deshalb, wer gerade alles applaudiert. Selbst in Foren, deren Mitglieder KI grundsätzlich verachten, gilt Thomas vielen als das kleinere Übel. Wenn KI-Gegner einem KI-Projekt zujubeln, nur um Adobe eins auszuwischen, hat ein Unternehmen beim Thema Kundenbindung wohl etwas grundlegend falsch verstanden.

Zwischen Alpha und Ankündigung

Jetzt der unangenehme Teil. Thomas versprach anfangs 100 Prozent Funktionsgleichheit mit Adobe und das innerhalb eines Monats. Später korrigierte er auf 99 Prozent, die eher Monate als Jahre dauern sollen. Ein mutiger Rückzug, der immer noch nach Fanfare klingt.

Die eigenen Projektunterlagen sind ehrlicher als ihr Erfinder. Die Roadmap von PhotoCraft schätzte die Reife für den Profi-Einsatz Anfang Oktober auf 25 bis 35 Prozent. Das GitHub-README schreibt unumwunden, PhotoCraft sei noch kein Ersatz für die tägliche professionelle Arbeit. Dort steht auch der schönste Satz der ganzen Affäre: Jeder Photoshop-Menüpunkt sei mit einem Befehl verdrahtet, aber das messe die Verdrahtung, nicht das Verhalten. Mit anderen Worten: Der Knopf ist da. Was er tut, ist eine ganz andere Frage.

Die Tests der Fachpresse bestätigen das. Bei heise enttäuschten PhotoCraft und LightCraft bei der RAW-Verarbeitung, SoundCraft konnte keine externen Erweiterungen laden. Andere Tester berichten von Problemen bei Grundfunktionen, Tastenkürzeln und Performance. Sobald eine PSD-Datei mehr verlangt als Ebenen und Masken, sinkt das Vertrauen rapide. Hunderte Bug-Reports in der ersten Woche gelten Beobachtern als Preis der Geschwindigkeit.

Crafting App Soll ersetzen Stand laut Projekt und Tests
PhotoCraft Photoshop Early Alpha, Profi-Reife laut Roadmap 25 bis 35 Prozent, Schwächen bei RAW und komplexen PSDs
LightCraft Lightroom RAW-Entwicklung laut Projektangaben bei rund 55 Prozent, im heise-Test enttäuschend
VectorCraft Illustrator Gilt als stärkste App der Suite, solange offene Formate wie SVG und PDF genügen
WordCraft Word Laut README rund 60 Prozent auf dem Weg zum vollwertigen Ersatz
GridCraft, DeckCraft Excel, PowerPoint Alpha, LibreOffice ist Jahrzehnte voraus, Deutsch schwächer als Englisch
SoundCraft Pro Tools Konnte im heise-Test keine externen Erweiterungen laden

Bis zur Beta kalkuliert das Team übrigens mit 1.100 bis 1.800 weiteren Stunden KI-Agentenzeit. Das ist die eigentliche Pointe: „Photoshop in zehn Tagen“ war der Prototyp. Den Rest bezahlt man mit Rechenzeit, Geduld und den Nerven der Leute, die das Ding heute schon produktiv einsetzen.

Programmierer kennen dafür seit Jahrzehnten die Neunzig-neunzig-Regel: Die ersten 90 Prozent des Codes kosten 90 Prozent der Zeit. Die restlichen 10 Prozent kosten die anderen 90 Prozent. Die Crafting Apps stecken mitten in der zweiten Hälfte dieser Rechnung.

Das Problem heißt nicht KI, sondern Bananensoftware

Unfertige Software zu veröffentlichen ist kein Verbrechen. Open Source lebt seit jeher davon, früh zu zeigen und gemeinsam zu verbessern. GIMP, Krita und LibreOffice sind genau so entstanden.

Der Unterschied liegt in der Verpackung. Wer „Software is over“ ruft und 100 Prozent Adobe-Parität binnen eines Monats verspricht, verkauft keine Alpha. Er verkauft die Erlösung. Und das Publikum kauft. Zehntausende GitHub-Sterne in wenigen Tagen sind ein Zeichen von Sehnsucht, nicht von Qualität.

Dazu kommen Fragen, die bei Vibe-Coding-Projekten grundsätzlich offen sind: Wer prüft Sicherheit und Wartbarkeit von Code, den kein Mensch vollständig gelesen hat? Wer haftet, wenn ein Kundenprojekt beim Export zerbröselt? Microsoft und Adobe unterliegen vertraglichen Zusagen und Compliance-Pflichten. Ein Hobbyprojekt mit Bug-Bounty-Programm nicht. Und Apps, die per MCP-Schnittstelle von KI-Agenten gesteuert werden, sind ein Spielplatz, auf dem man genau wissen sollte, wer da gerade mitspielt.

Ein kleiner Seitenhieb sei erlaubt: Ausgerechnet in Europa, wo man für eine fehlende Faxnummer im Impressum noch immer Abmahnungen fürchtet, dürfte so manche Agentur jetzt ernsthaft überlegen, den Kunden-Workflow auf eine Early Alpha umzustellen. Weil sie kostenlos ist. Digitalisierung, made in Germany: Hauptsache, die Lizenzkosten sinken. Ob die Daten danach noch lesbar sind, klärt man später im Projektmeeting.

Abgekupfert, dekompiliert, strafbar? Eine Unterscheidung, die zählt

Jetzt zum heikelsten Vorwurf, der in Foren gern herumgereicht wird: Diese Apps seien nichts anderes als per KI dekompilierte Adobe-Programme. Hier lohnt sich Genauigkeit, denn ein falscher Vorwurf ist schnell erhoben und teuer.

Was belegt ist: ArtCraft bezeichnet seine Apps als „Clean-Room“-Neuentwicklung. Thomas betont, keine Adobe-Programme dekompiliert zu haben. Die Apps sind in Rust geschrieben, Adobe arbeitet vor allem mit C++, und Adobes Quellcode war nie öffentlich. Für Kopien von Originalcode gibt es bislang keine Belege.

Was trotzdem stimmt: KI-gestütztes Dekompilieren ist keine Science-Fiction mehr. Es gibt bereits offene MCP-Server, die KI-Agenten an Reverse-Engineering-Werkzeuge wie Ghidra oder IDA anbinden. Das Muster: Die KI lässt ein Programm dekompilieren, liest den Pseudocode und schreibt daraus eine eigene Implementierung. In einem viel diskutierten Experiment wurde so der Windows-Taschenrechner in Rust nachgebaut. Und Anfang Oktober tauchte eine angeblich KI-gestützte Browser-Portierung von GTA V auf, die kurz darauf wieder verschwand.

Rechtlich ist die Lage in Deutschland klarer, als viele glauben:

  • Funktion ist frei: Laut Europäischem Gerichtshof (Rechtssache C-406/10) sind die Funktionalität eines Programms, die Programmiersprache und Dateiformate nicht urheberrechtlich geschützt. Wer nur beobachtet, wie Photoshop sich verhält, und das nachbaut, bewegt sich grundsätzlich im erlaubten Rahmen. § 69d Abs. 3 UrhG erlaubt rechtmäßigen Nutzern ausdrücklich, ein Programm zu beobachten, zu untersuchen und zu testen.
  • Dekompilieren ist eng begrenzt: § 69e UrhG gestattet das Dekompilieren nur, um Interoperabilität mit einem eigenständigen Programm herzustellen. Die gewonnenen Informationen dürfen ausdrücklich nicht dafür verwendet werden, ein Programm mit im Wesentlichen ähnlicher Ausdrucksform zu entwickeln. Genau das wäre beim kompletten Nachbau eines kommerziellen Produkts aber der Zweck.
  • Dann wird es strafrechtlich: Wer geschützten Code ohne Erlaubnis vervielfältigt oder verbreitet, riskiert nach § 106 UrhG bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe. Geschieht das gewerbsmäßig, sind es nach § 108a UrhG bis zu fünf Jahre. „Die KI hat das gemacht“ ist dabei weder Ausrede noch eine Verteidigungsstrategie. Die KI sitzt dann nämlich nicht auf der Anklagebank.

Für ArtCraft sehen Rechtsbeobachter beim reinen Urheberrecht eher solide Karten, solange die Clean-Room-Darstellung stimmt. Die größeren Risiken liegen woanders: Adobes Nutzungsbedingungen verbieten es, Ein- und Ausgaben der Software zu studieren, um sie nachzubauen. Adobe hält Tausende Patente. Und eine bewusst eins zu eins nachgebaute Oberfläche lädt zu markenrechtlichen Argumenten über Verwechslungsgefahr ein. Dazu kommt die simpelste Wahrheit des Rechtssystems: Ein Konzern mit über 90 Milliarden Dollar Börsenwert muss einen Prozess nicht gewinnen. Es reicht, ihn zu führen.

Eine Ironie zum Schluss dieses Kapitels: Code, den eine KI ohne nennenswerten menschlichen Anteil erzeugt, ist nach aktueller US-Rechtsauffassung wohl gar nicht urheberrechtlich geschützt. Die schicke MIT-Lizenz könnte also eine Lizenz für etwas sein, das niemandem gehört. Open Source, Stufe zwei: nicht nur offen, sondern auch noch herrenlos.

Wer umsteigen sollte und wer nicht

Für Neugierige, Studierende und Linux-Nutzer, die Adobe seit Jahrzehnten ignoriert, sind die Crafting Apps ein spannender Spielplatz. VectorCraft taugt offenbar schon für einfache Arbeiten mit offenen Formaten. Wer PDFs zusammenklickt oder ein Social-Media-Bild beschneidet, wird wahrscheinlich kaum etwas vermissen.

Für Agenturen, Fotografinnen, Druckvorstufe und alle, die Kundendaten anfassen, lautet die Empfehlung: anschauen, testen, nicht produktiv einsetzen. Kostenlose Alternativen gibt es seit Jahren in deutlich reiferer Form. GIMP und Krita für Pixel, Inkscape für Vektoren, LibreOffice fürs Büro, und die Affinity-Suite gibt es inzwischen ebenfalls gratis. Die sind zwar nicht so laut, aber dafür funktionieren sie.

Das "Ende der Software" sieht verdächtig nach ihrem Anfang aus

Brandon Thomas hat etwas Wichtiges bewiesen, nur nicht das, was er behauptet. Software ist nicht vorbei. Aber die Zeit, in der ein Abo-Monopol sicher war, weil der Nachbau Jahre und ein Millionenbudget brauchte, ist es vielleicht. Wenn ein Einzelner in zehn Tagen eine glaubwürdige Attrappe von Photoshop auf GitHub stellen kann, wird die nächste Preiserhöhung in San José ein bisschen teurer.

Die Software dagegen bleibt, was sie immer war: ein mühsames Handwerk aus Fehlersuche, Randfällen und Dateiformaten, die sich niemand freiwillig ausgedacht hat. Die KI liefert die ersten 90 Prozent in Rekordzeit. Die zweiten 90 Prozent schreibt, wie seit jeher, jemand um drei Uhr nachts mit kaltem Kaffee. Die Crafting Apps heißen nicht zufällig so. Gebastelt wird noch lange.

Quellen:

16.10.2026

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