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Claude Duet: Der Streber Kollege, der schon vor dem Kaffee am Schreibtisch sitzt

Claude DuetHalb acht, das Handy liegt noch auf dem Nachttisch. Drei Kundenmails sind über Nacht reingekommen, im Slack-Channel hat jemand eine Frage gestellt, und eine Rechnung vom Juli ist immer noch offen. Bisher war das der nervige Stapel, den man sich beim ersten Kaffee selbst zusammengeklaubt hat. Anthropic will, dass ihn künftig jemand anderes sortiert. Mit Claude Duet schickt das Unternehmen seine KI zur Frühschicht.

Am 21. Oktober hat Anthropic eine Research Preview von Claude Duet geöffnet. Das Prinzip dreht die übliche Rollenverteilung um: Nicht ihr tippt eine Frage ins Chatfenster, sondern die KI meldet sich bei euch. Mit dem, was eure Aufmerksamkeit braucht. Mit Aufgaben, die sie bereits vorbereitet hat. Und mit der Frage, ob sie jetzt auf „Senden“ drücken darf.

Damit steigt Anthropic in ein Rennen ein, das Meta mit Muse und OpenAI mit Dots im September eröffnet haben. Spät dran? Vielleicht. Aber Anthropic setzt auf eine andere Karte als die Konkurrenz.

Vom Chatfenster zum Kollegen mit Schlüsselbund

Duet ist keine neue Funktion im bekannten Claude-Chat, sondern eine eigene App für iOS, Android und das Web. Das ist für Anthropic ungewöhnlich, denn neue Produkte landen dort normalerweise als weiterer Knopf in der bestehenden Oberfläche. Intern hieß das Projekt übrigens „Claude Loop“, den neuen Namen bekam es erst mit dem Mobile-Rollout.

Unter der Haube arbeitet ausschließlich Claude Opus 5.5, Anthropics aktuelles Spitzenmodell. Eine Modellauswahl gibt es nicht. Der Agent läuft auf einer eigenen virtuellen Maschine in Anthropics Cloud, inklusive Browser. Heißt: Euer Laptop kann zugeklappt sein, euer Handy aus – Duet arbeitet trotzdem weiter.

Der Tagesablauf sieht so aus: Jeden Morgen schaut Duet in E-Mail und Kalender und liefert ein kurzes Briefing mit den wenigen Dingen, die eine Entscheidung oder eine Antwort von euch brauchen. Danach prüft er laut Anthropic alle paar Stunden die verknüpften Konten und meldet sich nur, wenn etwas anliegt. Ein dringender Notfall kann also durchaus zwischen zwei Kontrollgängen durchrutschen.

Der eigentliche Hebel ist der Kontext. Duet übernimmt alles, was ihr Claude bereits beigebracht habt: Erinnerungen, Skills, verbundene Apps wie Gmail oder Google Calendar. Er kann sogar alte Unterhaltungen durchsuchen. Wer Claude seit Monaten nutzt, startet also nicht bei null, sondern mit einem Assistenten, der eure Projekte schon kennt.

Was Duet anfasst – und wovon er die Finger lässt

Über 6.000 Konnektoren und Plugins aus dem Claude Marketplace stehen bereit. Anthropic nennt konkrete Beispiele, und die verraten viel über die Zielgruppe: Das hier ist kein Spielzeug für Leute, die sich das Kinoticket buchen lassen wollen. Duet zielt auf Selbstständige, Professionals und Chefs kleinerer Firmen, die zu viele Bälle gleichzeitig in der Luft haben - ihr kennt das, wir auch.

Bereich Was Duet laut Anthropic kann Wo er fragt oder passt
Kommunikation Verpasste Nachrichten in Gmail und Slack zusammenfassen, Antworten entwerfen Verschickt nichts ohne eure Freigabe
Finanzen In Stripe oder QuickBooks offene Rechnungen finden und Mahnungen vorbereiten, Gehaltsabrechnung in Gusto vorbereiten Handelt keine Wertpapiere, verschiebt kein Geld zwischen Konten
Marketing Aus einem Produktlaunch eine Social-Kampagne in Canva bauen, Inhalte für LinkedIn erstellen Postet nichts ohne Okay
E-Commerce Einen Shopify-Shop aufsetzen, gestalten und verwalten Visuelles Shopify-Editing soll erst noch ausgebaut werden
Verträge Vereinbarungen über DocuSign zur Unterschrift verschicken Unterschreibt nicht selbst
Einkauf Für das Business einkaufen, über Stripes Wallet Link oder Shop Pay von Shopify Bestätigt Artikel und Betrag vorab, Link zahlt mit virtueller Karte
Private Erledigungen Grundsätzlich möglich Laut Anthropic ausdrücklich die Schwachstelle

Besonders der Einkaufsteil zeigt, wie ernst die Payment-Branche das Thema nimmt. Shopify öffnet Shop Pay für Duet erstmals auch für Agenten-Käufe in Shops, die gar nicht auf Shopify laufen. Und Walmart kündigte am selben Tag ein eigenes „Agent Gateway“ an, über das Kunden ihren KI-Helfern Ausgabelimits setzen oder jede Bestellung einzeln absegnen können. Der Handel baut also schon die Türsteher, bevor die Agenten in Scharen anrücken.

Der Kontrollfreak als Verkaufsargument

Hier liegt der Kern von Anthropics Strategie. Duet liest, entwirft und bereitet vor, so viel er will. Aber bevor er etwas sendet, veröffentlicht, bezahlt, unterschreibt oder löscht, wartet er auf euer Okay. Während andere Anbieter mit möglichst viel Autonomie werben, verkauft Anthropic die Bremse als Feature.

Dazu kommt eine Sicherheitsarchitektur, die Anthropic von seiner Plattform für gehostete Agenten übernimmt: Duet bekommt eure Passwörter und Login-Tokens nie direkt zu sehen. Die Zugangsdaten bleiben außerhalb der Umgebung, in der der Agent Code ausführt. Ein eigener Klassifikator prüft jede Nachricht darauf, ob sensible Informationen nach draußen rutschen. Laut Anthropic haben sowohl interne Red Teams als auch eine externe Firma Penetrationstests gefahren.

Klingt beruhigend, und ist auch sinnvoll. Aber man sollte nüchtern bleiben: Das sind Angaben des Herstellers. Unabhängige Sicherheitsanalysen gibt es eine Woche nach dem Start naturgemäß noch nicht. Und Anthropic selbst rät, genau hinzuschauen, was Duet einem zur Freigabe vorlegt. Prompt Injection - also manipulierte Inhalte in Mails oder Webseiten, die einen Agenten auf Abwege bringen sollen - bleibt das Grundrisiko jedes Assistenten, der fremde Posteingänge liest.

Drei Agenten, ein Daumen

Der Markt ist voll. Meta Muse, OpenAI Dots, Grok Bot von xAI, dazu Startups wie Instinct: Alle wollen der eine Agent sein, den man morgens zuerst öffnet. Anthropic grenzt sich bewusst ab. Duet sei für die Arbeit gebaut, sagt das Unternehmen, bei Ticketbuchungen und Alltagserledigungen schwächer. Die Positionierung als „Chief of Staff“ für Wissensarbeiter ist klar gewählt.

Personell meint Anthropic es ernst. Die Entwicklung leitet Karan Ahuja, der bis Juli das Produktmanagement bei Meta Superintelligence Labs geführt hat und im August zu Anthropic gewechselt ist. Mike Krieger, Co-Leiter von Anthropics Labs-Team und früher Instagram-Mitgründer, betonte im Launch-Video vor allem eines: das Urteilsvermögen des Agenten darüber, wann er sich melden und wann er selbst handeln soll.

Genau das ist die eigentliche Wette. Wer täglich zwanzig Push-Nachrichten von seinem Agenten bekommt, schaltet ihn nach einer Woche ab. Wer zu wenige bekommt, vergisst ihn.

Hübsch, klug – und leicht zu vergessen

Die ersten Tester sind angetan, mit Einschränkungen. Das Tech-Magazin Every hatte zwei Wochen Vorabzugang und nennt Duet den ersten persönlichen Agenten, den man ernsthaft als Profiwerkzeug bezeichnen könne. Die Vorschläge seien tatsächlich nützlich. Gleichzeitig listet der Test Lücken auf: Duet sieht zwar die Claude-Sessions auf den eigenen Rechnern, kann sie aber nicht steuern. Seine Mail-Entwürfe fielen schwächer aus als die von OpenAIs Dots. Und geplante Durchläufe kommen nicht an selbst gebaute Konnektoren heran.

Lenny Rachitsky, dessen Newsletter in der Produktszene viel gelesen wird, lobt den Launch als den durchdachtesten, den er bisher gesehen habe: gutes Onboarding, Aufgabenlisten, Kanäle im Slack-Stil. Sein Haken steckt schon in der Überschrift seines Tests: Er hat trotzdem vergessen, Duet zu benutzen. Politur allein reicht nicht, wenn jeder Anbieter um denselben Platz auf dem Homescreen kämpft.

Anthropic geht mit den Schwächen erstaunlich offen um. Duet könne einen Mail-Verlauf falsch lesen oder die Dringlichkeit falsch einschätzen. Und anders als manche Konkurrenten kann er euch nicht live zeigen, was er gerade im Browser treibt.

Das Kleingedruckte für alle diesseits des Atlantiks

Bevor jetzt jemand in München die Warteliste stürmt: Duet gibt es vorerst nur in den USA, nur für Abonnenten von Claude Pro und Max, und auch dort nur über eine Warteliste. Team- und Enterprise-Pläne sind außen vor. Wann Europa dran ist, hat Anthropic noch nicht verraten.

Einen eigenen Preis gibt es nicht. Duet steckt während der Preview im bestehenden Abo, Claude Pro kostet in den USA 20 Dollar im Monat. Der Haken: Die Hintergrund-Checks fressen das normale Nutzungskontingent mit, komplexe Aufgaben entsprechend mehr. Wer Claude ohnehin intensiv nutzt, stößt mit einem Dauer-Assistenten im Nacken also schneller an die Grenzen.

Für Unternehmen in Deutschland kommt eine Frage dazu, die in den US-Berichten kaum auftaucht: Was bedeutet es datenschutzrechtlich, wenn ein Agent in der Cloud dauerhaft Kundenmails, Rechnungsdaten und Kalender durchkämmt? Wer Duet irgendwann hier einsetzen will, sollte das nicht erst klären, wenn der Agent schon im Posteingang herumkramt.

Der Assistent, der klopft

Technisch ist das, was Anthropic zeigt, solide durchdacht: viel Kontext, viele Schnittstellen, klare Haltelinien. Ob Duet den Alltag kleiner Firmen tatsächlich entlastet, entscheidet sich aber nicht an der Zahl der Konnektoren. Sondern an einer sehr menschlichen Frage: Vertraut man einem Kollegen, der nie schläft, nie kündigt und alles liest, solange er vor jeder wichtigen Entscheidung noch höflich anklopft?

Anthropic wettet darauf, dass genau dieses Anklopfen den Unterschied macht. Die nächsten Monate zeigen, ob die Nutzer die Tür aufmachen. Oder ob sie, wie Lenny, einfach vergessen, dass jemand davorsteht.

Quellen und weitere Informationen:

26.10.2026

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