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Geheimdienst-Cloud von Google: BND & Co. am US-Update-TropfBND, Verfassungsschutz und MAD wollen ihre gemeinsame Geheimdienst-Cloud auf Google-Technik bauen. Abgeschottet vom Internet, versteht sich. Nur die Updates, die kommen weiter aus Kalifornien.

Irgendwo in einem Rechenzentrum der BWI steht bald ein Rack, das nie das Internet gesehen hat. Kein Kabel nach draußen, keine Verbindung zu Google, alles hübsch isoliert. Und trotzdem wird dort regelmäßig jemand mit einem Datenträger vorbeikommen. Darauf: die nächste Softwareversion. Absender: Google.

Das ist, verkürzt, die Architektur der geplanten ND-Cloud. ND steht für Nachrichtendienste. Und dass ausgerechnet die drei Behörden, die Deutschland vor fremder Einflussnahme schützen sollen, ihr gemeinsames Nervensystem auf die Technik eines US-Konzerns setzen, ist schon eine Pointe für sich. Man muss sie nicht mal erfinden.

Eine halbe Milliarde für den Geheimschrank mit Google-Schloss

Die Fakten zuerst, sauber getrennt vom Kopfschütteln. Nach Recherchen von NDR und WDR wollen der Bundesnachrichtendienst (BND), das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und der Militärische Abschirmdienst (MAD) eine gemeinsame Cloud aufbauen. Über sie sollen die Dienste Informationen bis zur Einstufung „Geheim" austauschen. Bislang ist das umständlich: Manche Dokumente dürfen Mitarbeiter nur an speziell eingerichteten Rechnern in den jeweiligen Büros lesen.

Technische Basis soll die Google Distributed Cloud (GDC) sein, und zwar in der Air-Gapped-Variante. Also ohne direkte Verbindung ins Internet oder zu Google. Die Daten sollen in Deutschland liegen, das Rechenzentrum entsteht bei der BWI, dem IT-Systemhaus der Bundeswehr. Insider schätzen die Kosten auf mindestens 500 Millionen Euro. Eine offiziell bestätigte Summe gibt es allerdings nicht.

Eigentlich sollte das System im ersten Quartal 2027 starten. Daraus wird nichts: Mehrere Komponenten stecken noch im Zulassungsverfahren beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Erst danach sollen die Haushaltsmittel fließen. Und die Dienste selbst? Schweigen. Konkrete Fragen zur Cloud wollten weder BND noch MAD beantworten. Immerhin: Das zumindest beherrschen sie souverän.

Erst die Truppe, dann die Schlapphüte

Neu ist das Muster nicht. Im Mai 2025 hat die BWI einen Rahmenvertrag mit der Google Cloud Public Sector Deutschland GmbH geschlossen. Gegenstand: „Google Cloud Air-Gapped" für die private Cloud der Bundeswehr, kurz pCloudBw. Zwei physisch getrennte Instanzen sollen entstehen, eine für offene Daten, eine für Verschlusssachen der Stufe VS-NfD. Aufbau ab 2026, fertig bis Ende 2027. Was das kostet? Haben weder Google noch BWI verraten.

Interessant ist ein Detail aus der offiziellen Mitteilung der Bundeswehr: Google liefert die Software für den Cloud-Stack, ausdrücklich inklusive Softwarepflege und Wartung. Betreiben wird das Ganze die BWI. Heißt übersetzt: Den Schlüssel zum Serverraum hat Deutschland. Den Bauplan für alles, was darin läuft, hat Google.

Auch die NATO ist an Bord. Ihr Trainingszentrum JATEC setzt seit Ende 2025 ebenfalls auf GDC Air-Gapped. Google verkauft das Produkt dabei ganz unverblümt als „souveräne Cloud-Umgebung". Souveränität als Feature, das man bei einem US-Konzern einkauft. Darauf muss man erst mal kommen.

Der Air-Gap hat eine Hintertür. Sie heißt Update.

Die Verteidiger des Projekts haben ein Argument, das auf den ersten Blick sticht: Das System hängt nicht am Netz. Google kann nicht reinschauen, nicht mitlesen, nicht abschalten. Stimmt. Zumindest im laufenden Betrieb.

Nur lebt Software nicht vom Betrieb allein. Sie lebt von Updates. Und genau da setzt die Kritik an. Sven Herpig von der IT-Sicherheitsorganisation Interface hat gegenüber der Tagesschau den Finger in die Wunde gelegt: Entwickelt wird die Technik von Google, also liefert auch Google die Updates. Die offene Frage sei, ob ein Betreiber „hierzulande überhaupt beurteilen (kann), welche Auswirkungen ein Update möglicherweise hat". Dazu kommt: Wie groß muss ein Update eigentlich sein, damit es eine neue BSI-Zulassung braucht? Niemand hat darauf bisher eine öffentliche Antwort.

Wer verstehen will, wie diese Abhängigkeit praktisch aussieht, muss nur in Googles eigene Dokumentation schauen. Updates für GDC Air-Gapped laufen manuell: Das Softwarepaket wird mit Internetzugang bei Google heruntergeladen und dann per externem Datenträger in die abgeschottete Umgebung getragen. Der Air-Gap ist also kein Schutzwall. Er ist eine Schleuse, durch die Google-Code in regelmäßigen Abständen hineinwandert.

Und diese Abstände bestimmt im Kern Google. Laut Support-Richtlinie bekommt jede Nebenversion ein Jahr lang Unterstützung. Danach gibt es für alte Versionen keine Patches mehr. Wer nicht mitzieht, betreibt irgendwann eine Geheimdienst-Cloud mit offenen Sicherheitslücken. Noch schöner: Bei schweren Sicherheitslücken, die der Betreiber nicht sofort schließen kann, kann Google laut eigener Doku Maßnahmen ergreifen, etwa bestimmte Ports blockieren oder Funktionen deaktivieren. Mit genauen Anweisungen, versteht sich.

Einen Kill-Switch braucht da niemand. Es reicht, wenn die Updates irgendwann ausbleiben. Weil ein Vertrag ausläuft. Weil Washington Druck macht. Weil ein Konzern seine Prioritäten ändert. Dann tickt die Uhr, und zwar ziemlich genau zwölf Monate lang.

Fairerweise: Belegt ist weder ein Datenabfluss zu Google noch irgendeine Hintertür. Darum geht es auch gar nicht. Es geht um die Frage, wer am Ende entscheidet, ob das System in fünf Jahren noch sicher läuft. Und die Antwort darauf sitzt nicht in Pullach, nicht in Köln und nicht in Berlin.

Versprochen vs. geliefert: der Faktencheck

Das Versprechen Der Haken
Keine Verbindung ins Internet oder zu Google Jedes Update kommt trotzdem von Google und wird per Datenträger eingespielt
Daten bleiben in Deutschland Der Code, der die Daten verarbeitet, entsteht in den USA
Betrieb durch die bundeseigene BWI Softwarepflege und Wartung liefert laut Bundeswehr Google
BSI prüft und lässt zu Unklar, welche Updates eine neue Zulassung auslösen
Volle Kontrolle über das System Support pro Nebenversion nur ein Jahr, danach keine Patches mehr
Kosten: mindestens 500 Millionen Euro Nur eine Insider-Schätzung, keine belastbare Gesamtrechnung

Rücksitz, Beifahrersitz, Kofferraum

Jetzt wird es richtig bitter. Denn die schärfste Kritik an diesem Projekt kommt nicht von Netzaktivisten. Sie kommt aus dem Verfassungsschutz selbst.

Im Februar 2026, kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz, saß BfV-Präsident Sinan Selen im Bitkom-Podcast und fand ein schönes Bild: „Wir dürfen im Auto nicht auf dem Rücksitz sitzen" und hoffen, dass der Fahrer schon die richtige Richtung nimmt. Europa müsse digitale Souveränität mit massiven Mitteln vorantreiben, wenn es bestehen wolle. Und laut NDR und WDR hieß es aus den Reihen des Verfassungsschutzes zuletzt sogar, Deutschland müsse in der Lage sein, Alternativen zu bieten.

Acht Monate später kauft dieselbe Behörde für eine halbe Milliarde Euro einen Platz auf dem Rücksitz. Mit Kindersicherung. Und der Fahrer heißt Google.

Die Bundesregierung spielt das Spiel parallel auf der großen Bühne. Digitalminister Karsten Wildberger erklärte im Mai auf der re:publica Souveränität zur Demokratiefrage, versprach eine souveräne Cloud als Fundament des „Deutschland-Stack" und legte nach: „Souveränität ist nicht nur eine Idee oder eine Forderung, wir setzen um." Gemeint war vermutlich nicht der Geheimdienst-Deal mit Mountain View.

Der Witz an der Sache: Anderswo im Bund funktioniert es ja. Für die souveräne KI-Cloud des Bundes hat man rund 250 Millionen Euro an ein Konsortium aus T-Systems, SAP, SVA, Schwarz Digits und Codesphere vergeben, ausdrücklich ohne US-Hyperscaler. Die Infrastruktur dort liefert STACKIT, die BSI-zertifizierte Cloud der Schwarz-Gruppe. Und GovTech Deutschland hat STACKIT im Mai in einen weiteren 250-Millionen-Rahmenvertrag aufgenommen. Die rechte Hand baut also mühsam europäische Alternativen auf. Die linke Hand unterschreibt bei Google. Und keiner merkt, dass beide am selben Körper hängen.

Die Verteidigung der Dienste, und warum sie nicht ganz falsch ist

Man sollte der Gegenseite zuhören, auch wenn es schwerfällt. Die Chefs der Nachrichtendienste haben im Bundestag zuletzt betont, dass sie auf leistungsfähige Technik angewiesen sind und die Herkunft eines Anbieters immer nur ein Faktor sein könne. Das ist nicht absurd. Ein Geheimdienst, der mit veralteter IT gegen russische und chinesische Angreifer antritt, ist auch nicht souverän. Er ist nur langsam.

Dazu kommt: Eine voll ausgebaute Air-Gapped-Cloud mit KI-Diensten, Kubernetes und allem Drum und Dran, zugelassen für Verschlusssachen, liegt bei europäischen Anbietern nicht einfach im Regal. Schon bei der Bundeswehr hieß es aus gut unterrichteten Kreisen, nur Google habe die Anforderungen erfüllt. Und das BSI prüft das System ja, bevor es in Betrieb geht. Das ist deutlich mehr, als viele Behörden bei ihrer Bürosoftware je getan haben.

Nur: Genau das ist der Punkt. Wenn nach Jahren voller Souveränitäts-Sonntagsreden für die sensibelste IT des Landes nur ein US-Konzern infrage kommt, dann ist das kein Argument für Google. Dann ist das ein Armutszeugnis für die eigene Industriepolitik. Und eine halbe Milliarde, die in den nächsten Lock-in fließt statt in den Aufbau einer Alternative, macht dieses Zeugnis nicht besser. Sie verlängert es.

Wer das Update nicht ablehnen kann, ist nicht souverän

Am Ende lässt sich die ganze Debatte auf eine einfache Frage herunterbrechen: Was passiert, wenn Google eines Tages nicht mehr liefern will oder darf? Bei Starlink in der Ukraine hat die Welt gerade live gesehen, wie schnell technologische Abhängigkeit zum politischen Hebel wird. Niemand muss Google böse Absichten unterstellen, um zu verstehen, dass ein US-Konzern im Ernstfall zuerst US-Recht und US-Interessen folgt.

Die deutschen Nachrichtendienste haben den Auftrag, dieses Land vor fremdem Einfluss zu schützen. Für ihre eigene Infrastruktur heißt der Plan jetzt: abgeschottet von der Welt, aber alle paar Monate wartet man auf die Festplatte aus Kalifornien.

Souverän ist nicht, wer sein Rechenzentrum vom Internet trennt. Souverän ist, wer das nächste Update ablehnen kann, ohne dass ein Jahr später das Licht ausgeht.

27.10.2026

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