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Deutschland schließt die älteste Leiterplattenfabrik Europas

Europas älteste Leiterplattenfabrik macht dicht, mitten im BoomIn der Nacht zum 28. Dezember 2016 brennt in Geldern am Niederrhein eine Fabrikhalle nieder. Darin die Anlagen für die Herstellung mehrlagiger Leiterplatten. Nur wenige Stunden nach dem Brand steht fest: Der Eigentümer aus Taiwan baut wieder auf, und zwar genau hier. Im April 2018 feiern 800 Gäste die Eröffnung einer neuen Smart Factory, ein fahrerloser Roboter rollt mit einem Willkommensschild durch die Halle. Achteinhalb Jahre später beschließt derselbe Eigentümer, das Werk abzuwickeln. Diesmal ohne Warmsanierung. Diesmal wegen der Zahlen.

Älter als die Bundesrepublik

Die Geschichte beginnt 1945. Damals entsteht in Geldern die Firma Ruwel, die bis heute als ältester noch produzierender Leiterplattenhersteller Europas gilt. 2009 steigt die taiwanische Unimicron-Gruppe ein, zwei Jahre später gehört ihr der Betrieb komplett. Seit 2017 heißt er Unimicron Germany GmbH.

Unimicron ist kein Zufallskäufer, der Konzern gehört seit Jahren zur absoluten Weltspitze der Branche. Und er hat in Geldern nicht gekleckert. Nach dem Brand ließ er die Innenlagen per Flugzeug aus seinem Werk im chinesischen Kunshan einfliegen, damit die Kunden aus Autoindustrie, erneuerbaren Energien und Industrie weiter ihre Platinen bekamen. 2022 steckte er noch einmal rund 12 Millionen Euro in ein neues Produktionsgebäude, neue Anlagen und eine Grundwassersanierung. In der Rangliste der 30 größten europäischen Leiterplattenhersteller nach Umsatz 2024 landete Geldern auf Platz 12.

Ein Werk also, in das jemand bewusst jede Menge Geld investiert hat. Das ist wichtig für alles, was jetzt kommt.

Abwicklung mit Scheck

Am 27. Oktober 2026 meldet Unimicron an die Börse in Taipeh: Die deutsche Tochter wird aufgelöst. Zum 1. November beginnt die freiwillige Liquidation. Eine Insolvenz ist das ausdrücklich nicht, und genau das macht den Fall so bemerkenswert. Hier geht niemandem das Geld aus, hier wurde wirtschaftlich nicht geschlampt. Hier entscheidet jemand mit vollen Kassen, dass sich der Standort nicht mehr lohnt.

Bis zu 35 Millionen Euro schießt die Mutter über ihre Holding UniRuwel nach. Davon arbeitet Geldern offene Aufträge ab, zahlt Abfindungen und tilgt Bankkredite sowie Darlehen aus dem Konzern. Die Produktion fährt schrittweise herunter und endet spätestens im ersten Halbjahr 2027. Rund 240 Beschäftigte verlieren ihren Job. Auf der Firmenwebsite ist übrigens noch von mehr als 350 Beschäftigten die Rede, auch das erzählt eine Geschichte. Unternehmen und Betriebsrat verhandeln jetzt über Interessenausgleich und Sozialplan.

Die offizielle Begründung bleibt dünn: Konzernplanung, niedrigere Betriebskosten, anhaltende Verluste, ein schwieriges Marktumfeld. Man habe das Werk über Jahre finanziell gestützt und mehrere Optionen geprüft, eine tragfähige Lösung sei nicht dabei gewesen. Welche Kosten konkret den Ausschlag gaben, hat Unimicron bislang nicht aufgeschlüsselt.

Rekordgewinne in Taiwan, rote Zahlen am Niederrhein

Jetzt der Blick nach Taiwan. Unimicron verdiente in den ersten neun Monaten 2026 rund 28,2 Milliarden Taiwan-Dollar, umgerechnet etwa 780 Millionen Euro. Allein das dritte Quartal brachte gut 10 Milliarden Taiwan-Dollar Nettogewinn, das zweitbeste Quartal der Firmengeschichte. Parallel bestellt der Konzern Anlagen für neue Fabriken im Wert von rund 1,4 Milliarden Euro.

Der Treiber hat zwei Buchstaben: KI. Rechenzentren brauchen Chipträger und hochkomplexe Leiterplatten, und Unimicron liefert genau das und in rauhen Mengen.

Geldern spielt in dieser Liga schlichtweg nicht mit. Das Werk fertigt kleine Serien anspruchsvoller Platinen für Autoindustrie, Industrieelektronik und Medizintechnik. Also genau die Sorte Elektronik, ohne die in Deutschland kein Band läuft, die aber im KI-Rausch nicht wirklich Renditefantasien weckt. Am selben Tag wie die Geldern-Entscheidung unterschrieb Unimicron eine Absichtserklärung, auch die japanische Tochter an den Hersteller Meiko Electronics abzugeben. Der Konzern sortiert sein Portfolio sichtbar um.

Der Boom fährt vorbei und nimmt das Material mit

Man könnte jetzt sagen: Pech für Geldern, falsches Segment. So einfach ist es nicht. Denn der KI-Boom läuft an klassischen Leiterplatten nicht nur vorbei, er saugt ihnen auch das Material weg.

Leiterplatten für KI-Server haben drei- bis fünfmal so viele Lagen wie herkömmliche Designs, rechnet Würth Elektronik vor. Ein normaler Server kommt mit etwa 18 Lagen aus, ein KI-Server mit 32 bis über 90. Jede Lage frisst Kupferfolie, Glasgewebe und Harz. Beim Spezialglasgewebe T-Glass stammen laut dem Risikoanalysten Everstream rund 90 Prozent der Weltmenge von einem einzigen japanischen Hersteller, Nitto Boseki. Und die großen Cloud-Anbieter sichern sich ihre Komponenten langfristig, gern zu Preisen, bei denen andere Branchen nicht mitbieten können.

Im Frühjahr kam der Krieg dazu. Nach iranischen Angriffen auf den Petrochemie-Komplex Jubail in Saudi-Arabien stand dort die Produktion von PPE-Harz still, einem Spezialkunststoff für das Basismaterial von Leiterplatten. Laut Reuters stiegen die Leiterplattenpreise allein im April um bis zu 40 Prozent. Der NCAB-Indikator für europäische Standard-Leiterplatten sprang im Mai von 108 auf 125 Punkte, gemessen am Stand von Januar 2025. Würth Elektronik beschreibt die Folgen nüchtern: höhere Preise, längere Lieferzeiten, schlechtere Planbarkeit, strengere Zuteilung.

Und Geldern? Schon im August wies eine Vertreterin des Werks bei einem Besuch einer taiwanischen Delegation auf Schwierigkeiten bei der Materialversorgung hin. Ob das die Schließung mit ausgelöst hat, ist nicht bestätigt. Das Bild ist trotzdem deutlich: Ein kleines Werk in Europa steht in derselben Schlange wie die Rechenzentren der Hyperscaler. Und es steht in dieser Schlange ziemlich weit hinten.

Europa im Zeitraffer

Geldern ist kein Ausreißer. Geldern ist der vorläufige Endpunkt einer sehr langen Kurve.

Jahr Europas Anteil an der weltweiten Leiterplattenproduktion Leiterplattenhersteller in Europa
2000 16 % 555
2015 k. A. 247
2021 k. A. 171
2022 2,3 % k. A.
2024 unter 2 % (1,735 Mrd. Euro Umsatz) weniger als 180 aktive Werke

Deutschland zieht mit. Laut Data4PCB setzten die deutschen Hersteller 2025 das dritte Jahr in Folge weniger um, seit 2022 schrumpfte ihr Umsatz um mehr als 27 Prozent. Gleichzeitig deckt China rund 65 Prozent des Leiterplattenbedarfs der EU. Der einzige Lichtblick der letzten Jahre steht in Litauen: TLT-PCB baut dort das erste neue Leiterplattenwerk Europas seit zwei Jahrzehnten.

Was diese Schließung eigentlich misst

Bis hierhin Fakten. Jetzt die Einordnung.

Wenn ein Mittelständler pleitegeht, kann man über Management, Pech oder Timing streiten. Wenn aber der Branchenprimus mit Milliardengewinnen, globalem Einkauf und jahrzehntelangem Know-how ein modernisiertes Werk in Deutschland nicht profitabel betreiben kann, dann ist das kein Firmenschicksal mehr. Dann ist das ein Messergebnis. Und gemessen wurde nicht die Nachfrage nach Leiterplatten, die ist so hoch wie lange nicht. Gemessen wurde der Standort.

Fairerweise: Unimicron hat nicht gesagt, welche Kosten den Ausschlag gaben. Man muss aber kein Hellseher sein. Leiterplattenfertigung ist energie- und chemieintensiv, mit Galvanik, Ätzlinien, Pressen und aufwendiger Abwasserbehandlung. In der Auswertung der IHK Dortmund zum Energiewende-Barometer 2026 geben 41 Prozent der befragten Industriebetriebe an, wegen hoher Strom- und Gaspreise an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Der Elektroverband ZVEI nennt den Standort schlicht „überreguliert und zu teuer“. Und Europas Leiterplattenmacher verweisen seit Jahren auf staatlich gestützte Konkurrenz in China.

Kosten, Auflagen, Energie. Das sind die Größen, an denen Geldern gescheitert ist. Nicht an fehlenden Kunden.

Chips schweben nicht

In der Branche kursiert ein Satz, der die europäische Industriepolitik ziemlich gut zusammenfasst: Chips don't float. Ein Halbleiter ohne Leiterplatte ist ein teures Stück Silizium. Er braucht eine Platine, auf die er gelötet wird, mit Leiterbahnen, Lagen und Durchkontaktierungen.

Trotzdem dreht sich Europas Souveränitätsdebatte fast nur um Chipfabriken und Nanometer. Der EU Chips Act lässt Leiterplatten weitgehend links liegen. Die Global Electronics Association, früher IPC, fordert deshalb, das Gesetz auf Leiterplatten, Baugruppen und Endmontage auszuweiten. Im Zuge der Überprüfung des Chips Act lud die EU-Kommission die Hersteller immerhin erstmals zu einem eigenen Workshop ein. Erstmals.

Wie abhängig wir sind, zeigt ein Blick unter die Motorhaube. In einer aktuellen Mercedes E-Klasse stecken je nach Ausstattung 60 bis 70 Steuergeräte, in einem BMW bis zu 100. Jedes davon sitzt auf mindestens einer Leiterplatte. Dazu kommen Medizintechnik, Industriesteuerungen, Windkraft, Bahn und Verteidigung. Elektronik macht laut IPC inzwischen 17 Prozent des Werts von Rüstungsgütern aus, Tendenz steigend. Eine Drohne ohne Platine ist ein Modellflugzeug.

Die Kartoffel-Frage

Bei der Landwirtschaft hat Europa vor Jahrzehnten eine bewusste Entscheidung getroffen. Ernährung ist existenziell, also darf Versorgungssicherheit Geld kosten. Wir subventionieren Höfe, schützen Märkte und halten Kapazitäten vor, die sich rein betriebswirtschaftlich oft gar nicht rechnen würden. Über die Details wird ausgiebig gestritten. Das Prinzip steht.

Bei Elektronik fehlt diese Entscheidung bis heute. Dabei läuft ohne Leiterplatten weder das Auto noch das Krankenhaus noch das Stromnetz. Solange auf Kartoffeln keine Schaltkreise wachsen, gehört Elektronik auf dieselbe Liste wie Getreide.

Es gibt gute Gegenargumente. Ökonomen warnen zu Recht davor, dass Subventionen ineffiziente Strukturen konservieren und am Ende der Steuerzahler die Zeche zahlt, während die Weltmärkte ohnehin günstiger liefern. Nur: Günstiger liefern sie genau so lange, bis ein Krieg, eine Pandemie oder ein KI-Boom dazwischenkommt. 2026 hatten wir zwei davon gleichzeitig.

Souveränität heißt deshalb nicht, jede Platinenfabrik zu retten. Sie heißt: wettbewerbsfähige Energiepreise für Fertiger, eine Industriepolitik, die nicht beim Chip aufhört, und die Bereitschaft, Kapazitäten vorzuhalten, die im Normalbetrieb teurer sind als der Container aus Shenzhen. Wie die Alternative aussieht, wissen wir seit den stillstehenden Autobändern der Chipkrise.

Die letzte Charge

Auf Gipfeln in Brüssel und Berlin fällt das Wort Technologie-Souveränität inzwischen so oft wie früher das Wort Digitalisierung. In Geldern läuft derweil im ersten Halbjahr 2027 die letzte Charge vom Band. Was danach aus den Hallen wird, ist offen. Die ehrlichste Nachnutzung wäre ein Lager für Elektronik aus Asien. Dann stünde wenigstens am Gebäude, was wir in der Realität längst entschieden haben.

05.11.2026

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