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Digitale Erschöpfung. Was passiert da mit uns?

Digitale Erschöpfung: Warum Nutzer Social Media meidenEs gibt diesen Moment, den mittlerweile fast jeder kennt: Man tippt aus reinem Reflex aufs Instagram-Icon, das Bild lädt eine gefühlte Ewigkeit von 0,3 Sekunden, und man denkt sich - warum eigentlich? Man wollte gar nichts sehen. Die Hand war einfach schneller als der Kopf.

Genau dieses Gefühl hat jetzt eine Zahl bekommen. Eine ziemlich deutliche sogar. Der Datenschutzdienstleister Incogni hat im Juni 2026 tausend Erwachsene in den USA befragt, und das Bild, das dabei entstanden ist, lässt sich schwer schönreden: 55 Prozent posten seltener als noch vor fünf Jahren. Über die Hälfte ist wählerischer geworden, wer die eigenen Beiträge überhaupt zu sehen bekommt. Und fast jeder Zweite hat schon mal eine App gelöscht, weil sie schlicht zu viel Stress verursacht hat. Bei den Millennials sind es sogar 61 Prozent, bei der Generation Z 56 Prozent.

Die soziale Plattform, auf der früher jeder erzählt hat, was er zum Frühstück gegessen hat, wird also leiser. Nicht weil plötzlich alle offline gegangen sind - Massenkündigungen der eigenen Accounts sind nach wie vor die Ausnahme. Sondern weil immer mehr Menschen anfangen, sich zu fragen, ob sie das eigentlich noch wollen. Und die ehrliche Antwort lautet bei vielen: eher nicht so richtig.

Wenn Onlinesein zur zweiten Schicht wird

Der eigentlich interessante Befund der Studie ist gar nicht die Häufigkeit des Postens. Es ist die Sprache, in der die Leute über Social Media reden. Über die Hälfte der Befragten gibt an, dass eine aktive Onlinepräsenz sich anfühlt wie Arbeit. Bei der Generation Z sind es 60 Prozent - ausgerechnet die Generation, die angeblich mit dem Smartphone in der Hand geboren wurde. Selbst bei den Babyboomern, die man eher selten beim Storys-Aufnehmen erwischt, sagen das immerhin 38 Prozent.

Und wenn man ehrlich ist: Es ist Arbeit. Man muss überlegen, was man postet. Man muss überlegen, wie es ankommt. Man muss auf Kommentare reagieren, bevor der Algorithmus einen für Desinteresse bestraft. Man verwaltet im Grunde eine kleine Medienmarke - nur ohne Gehalt, ohne Redaktionsschluss und mit einem Publikum, das sich in Echtzeit über einen unterhält. Kein Wunder, dass sich das nicht mehr nach Freizeit anfühlt, sondern nach einem zweiten Job, um den man sich nie beworben hat.

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burnout bekanntlich als eine Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wurde. Interessant ist, dass sich diese Definition inzwischen erstaunlich passgenau auf etwas anwenden lässt, das offiziell noch nicht mal ein Job ist. Der eigene Instagram-Kanal zum Beispiel.

Rückzug fühlt sich gut an - zumindest meistens

Was passiert eigentlich, wenn Leute tatsächlich mal aussteigen? Auch dazu liefert die Incogni-Erhebung ein Ergebnis, das ich für das ehrlichste der ganzen Studie halte: Es ist nicht eindeutig positiv. Die häufigste Emotion nach einer längeren Pause vom Checken der Nachrichten ist zwar Ruhe, mit 27 Prozent. Aber direkt danach kommt, mit 22 Prozent, Angst. Nicht Erleichterung. Angst.

Besonders die Generation Z tut sich hier schwer - 34 Prozent geben an, beim Nicht-Checken der Nachrichten Angst zu spüren, 29 Prozent kämpfen mit klassischem FOMO, der Angst, etwas zu verpassen. Das zeigt ziemlich gut, wie tief diese Plattformen inzwischen sitzen. Man hasst sie, aber man traut sich nicht, sie ganz loszulassen, aus Angst, dass währenddessen irgendetwas Wichtiges passiert, von dem man dann als Letzter erfährt. Eine Art digitales Stockholm-Syndrom, nur mit Push-Benachrichtigungen statt Geiselnehmer.

Die Zahlen im Generationenvergleich

Kennzahl Gen Z Millennials Gen X Babyboomer
Onlinepräsenz fühlt sich wie Arbeit an 60 % 38 %
App wegen Stress/Angst gelöscht 56 % 61 %
Nennen mentale Gesundheit als Ausstiegsgrund 44 % 42 % 25 % 12 %
Angst beim Nicht-Checken der Nachrichten 34 % 26 %
FOMO beim Nicht-Checken der Nachrichten 29 % 21 %

Quelle: Incogni-Studie, Juni 2026, n = 1.000 US-Erwachsene. Werte ohne Angabe wurden von Incogni nicht separat ausgewiesen.

Politik, Polarisierung und die schlechte Laune im Netz

Ein Faktor, den man in der Diskussion um Social-Media-Erschöpfung gerne unterschlägt, weil er unbequem ist: Es geht längst nicht nur um Bildschirmzeit. 44 Prozent der Befragten geben an, dass politische Inhalte und die zunehmende Polarisierung sie aktiv dazu bringen, sich zurückziehen zu wollen - 14 Prozent stimmen dem sogar ausdrücklich zu.

Das erklärt auch, warum reines „weniger Zeit am Handy“ als Lösung oft zu kurz greift. Es geht nicht bloß um Menge. Es geht darum, dass viele Feeds sich inzwischen anfühlen wie eine Dauerdiskussion mit Menschen, mit denen man sich freiwillig nie an einen Tisch setzen würde. Wer jeden Tag mit Empörung, Streit und den immer gleichen zwei Lagern konfrontiert wird, verliert irgendwann die Lust, überhaupt noch hinzuschauen. Nicht aus Desinteresse an der Welt. Sondern aus schlichtem Selbstschutz.

Und wie sieht's bei uns in Deutschland aus?

Man könnte jetzt einwenden: schön und gut, aber das ist eine US-Studie, was interessiert uns das hierzulande? Die Antwort: mehr, als einem lieb ist. Der Digitalverband Bitkom hat parallel dazu für Deutschland erhoben, dass rund 27 Prozent der Menschen ab 16 Jahren für 2026 eine bewusste digitale Auszeit planen - meist nur für wenige Tage, aber immerhin. Fast die Hälfte davon will gezielt Social-Media-Apps wie TikTok, Instagram oder Facebook meiden. Bei den 16- bis 29-Jährigen steht Social Media dabei sogar ganz oben auf der Verzichtsliste, noch vor allem anderen.

Auffällig ist allerdings auch: Der Trend zum Digital Detox nimmt insgesamt eher ab statt zu. 2024 wollten noch 41 Prozent für rund eine Woche verzichten, 2025 waren es 36 Prozent für sechs Tage, 2026 sind es nur noch 27 Prozent, und die meisten planen dabei nur wenige Tage statt einer ganzen Woche. Digital Detox ist offenbar nicht totgeglaubt, aber es wird eher zum kurzen Luftholen als zum echten Ausstieg - ein Wochenende offline statt einer Woche im Kloster.

Was allerdings wirklich hilft, ist erstaunlich unspektakulär. Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit weist darauf hin, dass schon eine tägliche Reduktion der Social-Media-Zeit um 30 Minuten spürbare Verbesserungen beim Wohlbefinden bringen kann. Keine radikale Löschaktion, kein Wochenende in der handyfreien Hütte im Wald. Nur eine halbe Stunde weniger scrollen. Das klingt fast zu banal, um wahr zu sein - ist aber genau die Art von Erkenntnis, die niemand hören will, weil sie keine große Geste erlaubt.

Was das für Unternehmen und Marken bedeutet

Für alle, die beruflich Social Media betreiben - und das dürften in München und Umgebung nicht wenige sein - ist das kein rein privates Thema. Es ist eine handfeste strategische Frage. Wenn die eigene Zielgruppe seltener postet, wählerischer wird, wer ihre Inhalte sieht, und sich zunehmend von politisch aufgeladenen Feeds fernhält, dann funktionieren die alten Rezepte - möglichst oft posten, möglichst laut sein, jeden Trend mitnehmen - immer schlechter. Reichweite um jeden Preis wird gegen ein Publikum ausgespielt, das genau diesen Preis nicht mehr zahlen will.

Was eher funktioniert: Inhalte, die den Aufwand des Hinschauens auch wert sind. Weniger Frequenz, mehr Substanz. Kanäle, die sich nicht wie eine weitere Verpflichtung anfühlen, sondern wie ein Ort, an dem man tatsächlich etwas mitnimmt. Klingt banal, ist aber genau der Punkt, an dem sich zeigt, ob eine Social-Media-Strategie 2026 noch trägt oder nur noch aus Gewohnheit weiterläuft.

Niemand hasst das Internet. Aber viele hassen, was daraus geworden ist

Was diese Zahlen am Ende zeigen, ist kein Abgesang auf soziale Medien. Die meisten Menschen sind nicht auf dem Absprung, 16 Prozent sagen sogar explizit, dass sie ihren Account niemals löschen würden, komme, was wolle. Es ist eher eine leise Korrektur. Ein kollektives Zurückrudern von der Idee, dass man ständig, überall und zu jedem Thema präsent sein muss.

Man postet seltener nicht aus Faulheit, sondern weil man gemerkt hat, dass die Rechnung nicht mehr aufgeht: der Aufwand steht in keinem Verhältnis mehr zu dem, was man dafür zurückbekommt. Und das ist, wenn man's genau nimmt, ziemlich vernünftig. Vielleicht ist die eigentliche Nachricht dieser Studie also gar keine schlechte. Vielleicht bedeutet digitale Erschöpfung einfach, dass die Leute anfangen, wieder selbst zu entscheiden, statt sich vom nächsten Update treiben zu lassen.

Hinweis: Am 28. Mai war Nina Pagett bei dem von TAGWORX.NET und HAAG Kommunikationsdesign initiierten Unternehmerstammtisch zum Thema „Digital Detox und Digitaler Minimalismus“ zu Gast. Die Referentin erläuterte u.a. die Verknüpfung von Medienkonsum und Selbstfürsorge. Anhand der „8 Säulen der Selbstfürsorge“ (nach A. Hochbahn) zeigte Nina Pagett, wie stark unsere digitale Zeit verschiedene Lebensbereiche beeinflusst. Die Folien „Digitaler Minimalismus – Reduktion digitaler Reize und Selbstfürsorge“ von Nina Pagett können Sie sich hier herunterladen.

16.07.2026

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