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Tesla fliegt und Europa schaut vom Boden aus zu
Donnerstagabend, kurz vor acht, SpaceX-Testgelände McGregor in Texas. Ein flacher Sportwagen fährt eine Rampe hinauf, die sich nach oben biegt, bis er kopfüber hängt. Er hält sich fest. Dann lässt er los. Druckluft zischt aus zehn Düsen, der Wagen dreht sich in der Luft und landet auf allen vier Rädern. Kurz darauf springt er mit einer Seitenrolle über eine Reihe geparkter Teslas, inklusive Cybertruck und eines vier Meter hohen Sattelschleppers. Elon Musk kommentiert trocken, das habe ja funktioniert.
Der neue Tesla Roadster ist da. Neun Jahre nach der ersten Vorstellung, acht Jahre nach dem ursprünglich versprochenen Liefertermin. Und er stellt eine Frage, die in Wolfsburg, Stuttgart und München heute Morgen wehtun dürfte: Ist Tesla gerade allen davongeflogen?
Die kurze Antwort: bei der Show ja. Beim Geschäft eher nicht. Noch nicht. Und genau darin steckt die interessantere Geschichte.
Höhenflug in Texas
Erst die Fakten, dann die Einordnung. Tesla hat den Roadster der zweiten Generation am 15. Oktober 2026 auf dem SpaceX-Gelände in McGregor nahe Waco vorgestellt. Eigentlich war der 1. Oktober geplant, Tesla hat den Termin allerdings wegen schlechter Wetterprognosen um zwei Wochen verschoben.
Das Auto kommt in drei Varianten:
- Performance: Zweisitzer mit aktiver Aerodynamik und Saugsystem, laut Tesla unter 1,6 Sekunden von 0 auf 97 km/h.
- Thrust: zusätzliche Kaltgas-Düsen am Heck, „limitiert“, unter einer Sekunde.
- Rocket: Einsitzer mit Düsen rundum, nur auf Einladung, unter 0,59 Sekunden und über 370 km/h Spitze. Das ist die Version, die „fliegen“ kann.
Die vielzitierten 0,81 Sekunden auf knapp 97 km/h stammen aus einer aufgezeichneten Testfahrt während der Präsentation. Unabhängig überprüft hat die Zahl bislang niemand, aber sie dürfte in etwa so hinkommen. Zur Erinnerung: 2017 versprach Tesla noch 1,9 Sekunden. Da wundert es kaum, dass Musk obendrein angekündigt hat, dass das Serienmodell werde noch schneller sein wird.
Einen offiziellen Kaufpreis nennt Tesla nicht. Wer sich die Rocket-Variante sichern will, zahlt laut Tesla-Website aber schon für die Reservierung 250.000 Euro. Produktionsstart: 2028. Und ein Detail, das gern untergeht: Tesla schreibt selbst, dass das Fliegen im öffentlichen Straßenverkehr nicht erlaubt ist und die Rocket möglicherweise nicht in allen Regionen angeboten wird. Wen interessierts, der fulminante Technologie-Preview war auch ohne Praxisbezug äußerst beeindruckend.
Kaltgas statt Kerosin: So funktioniert der Hüpfer
Wer bei „Raketendüsen“ an Flammen denkt, liegt falsch. Kaltgas-Triebwerke verbrennen nichts. Sie blasen extrem stark komprimiertes Gas aus Düsen, das ist dasselbe Prinzip, mit dem Raumfahrzeuge ihre Lage im All korrigieren - wer hätte es gedacht. Laut Teslas Fahrzeugtechnik-Chef Lars Moravy hängen zehn Düsen an rund 600 Litern Druckluft, die sich nachfüllen lässt. Entwickelt hat Tesla das System gemeinsam mit SpaceX-Ingenieuren.
Bei der Thrust-Version schießt die Luft aus vier Öffnungen am Heck, schneller als der Schall. Die Rocket bekommt zusätzliche Düsen rund um die Karosserie, die nach oben drücken und das Auto in der Luft um alle Achsen drehen können.
Das zweite Kunststück ist unspektakulärer, aber vielleicht cleverer: Ventilatoren unter dem Wagen saugen ihn auf den Boden, laut Tesla mit bis zu 2 g Anpressdruck, sogar im Stand. Deshalb klebte der Roadster kopfüber an der Rampe.
Kleine Rechnung zum Mitnehmen: 97 km/h in 0,81 Sekunden entsprechen einer durchschnittlichen Beschleunigung von etwa 3,4 g. Das drückt dich mit dem Dreieinhalbfachen deines Körpergewichts in den Sitz. Shea Burns von der Beratung AlixPartners sagte dazu dem Sinn nach: So schnell zu fahren ist schlicht unbequem, und abseits der Raketen holt die Physik Tesla langsam ein. Was nicht heißt, dass es ein paar Leute die sich das leisten können nicht ausprobieren werden.
Technologievorsprung
Ja, die Show war stark, keine Frage. Was vor allem daran liegt, dass kein anderer Autohersteller gerade eine Raumfahrtfirma im Familienbetrieb hat, deren Bauteile er einfach mal in einen Sportwagen schrauben kann. Das ist ein echter Vorteil. Aber er gilt eben nicht für den Massenmarkt.
Ein paar Zahlen zur Erdung:
- Tesla hat seit dem Model Y im März 2019 kein neues Serienauto mit Lenkrad mehr für Privatkunden auf den Markt gebracht.
- Der Roadster gilt als Imageträger. Musk selbst nannte ihn einmal eine Kleinigkeit, die finanziell nichts bewege. Fondsmanager Ross Gerber rechnet mit wenigen Tausend verkauften Exemplaren, aber ist das bei Supersportwagen nicht immer so?
- JPMorgan-Analyst Rajat Gupta bleibt bei „Neutral“ und erinnert daran, dass der Wagen ursprünglich für 2020 versprochen war.
- Die Börse feierte trotzdem: Die Aktie lag am Freitag vorbörslich gut fünf Prozent im Plus.
Und dann ist da noch Europa. Laut Herstellerverband ACEA kam BYD in der EU von Januar bis August 2026 auf 177.752 Neuzulassungen, Tesla auf 142.165. Der Konzern, der Autos zum Fliegen bringt, verliert im Alltag gegen einen Konzern, der vor allem eins tut: Autos in großer Stückzahl verkaufen - übrigens auch viele Plug-in-Hybride.
Der Vorsprung, den der Abend in Texas zeigt, ist also zunächst einmal ein Vorsprung in Inszenierung und Ingenieurs-Mut. Und natürlich hyperventilieren amerikanische Medien, dennoch ist die Show kein Beleg dafür, dass Tesla den Rest der Branche technologisch abgehängt hat.
China fliegt längst, allerdings mit weniger Pathos
Wer glaubt, die chinesische Autoindustrie werde jetzt panisch, kennt die chinesischen Autobauer nicht. Dort hebt man bereits ab, bloß etwas nüchterner.
Beispiel Xpeng: Die Flugauto-Tochter Aridge baut den „Land Aircraft Carrier“, einen dreiachsigen Elektro-Transporter mit einem zweisitzigen Senkrechtstarter im Heck. Mehr als 7.000 Bestellungen liegen vor, der Preis liegt bei rund 300.000 Dollar. In Guangzhou steht eine 120.000 Quadratmeter große Fabrik, die alle 30 Minuten ein Fluggerät ausspucken soll, ausgelegt auf 10.000 Stück pro Jahr. Die Serienfertigung soll 2027 richtig anlaufen, erste Auslieferungen sind für Ende 2026 geplant. Auf der IFA in Berlin konnte man das Teil im September schon anfassen. Die Zulassung in Europa? Offen.
Beispiel BYD: Der Yangwang U9 Xtreme erreichte im September 2025 auf dem Testgelände im niedersächsischen Papenburg 496,22 km/h und überholte damit den Bugatti Chiron Super Sport 300+ als schnellstes Serienauto. Am Steuer saß der Deutsche Marc Basseng. Ein chinesischer Rekord, aufgestellt auf einer deutschen Teststrecke mit einem deutschen Fahrer, die Ironie schreibt sich von selbst.
Der Unterschied zu Tesla: China verbindet Spektakel mit Masse. Chinesische Marken kamen Mitte 2026 auf knapp zehn Prozent der europäischen Neuzulassungen und verkauften erstmals mehr als eine Million Fahrzeuge in Europa. Der fliegende Roadster dürfte daher in Shenzhen eher ein anerkennendes Nicken auslösen und keine Krisensitzung.
Drei Arten, die Welt zu beeindrucken
| Modell | Der große Trick | Stand heute | Preis |
|---|---|---|---|
| Tesla Roadster (Rocket) | Kurze Flüge, Saltos und Seitenrollen per Kaltgas-Düsen; 0–97 km/h laut Website unter 0,59 s | Prototyp, Produktion ab 2028, Fliegen nicht für die Straße zugelassen | Offiziell offen; Reservierung 250.000 Euro |
| BYD Yangwang U9 Xtreme | 496,22 km/h, Rekord für Serienautos | Basismodell U9 seit 2024 in China auf dem Markt | Basis-U9 umgerechnet rund 200.000 Euro |
| Aridge Land Aircraft Carrier (Xpeng) | Transporter mit bemanntem Senkrechtstarter an Bord | Fabrik fertig, über 7.000 Bestellungen, Auslieferung geplant | Rund 300.000 Dollar |
Europa: Wir hätten da eine Studie
Und Europa? Porsche hat am selben Tag die Studie Mission S gezeigt. Ein schönes Auto, die Fachpresse war angetan. Im Netz wurde es trotzdem zur Pointe des Abends, weil drei Stunden später in Texas ein Auto über einen Lkw flog. Der meistgeteilte Kommentar lautete sinngemäß: Meldet euch, wenn es fliegen kann.
Das ist gemein. Aber es trifft einen Nerv, denn die Stimmung in der Branche ist ohnehin am Boden:
- Der ifo-Geschäftsklimaindex der deutschen Autoindustrie fiel im September auf minus 35 Punkte, nach minus 22 im August. ifo-Expertin Anita Wölfl fasst es knapp zusammen: „Die Automobilindustrie steckt weiterhin in der Krise.“
- BMW will weltweit rund 8.000 Stellen abbauen und ist damit der letzte der großen deutschen Hersteller mit einem harten Sparprogramm. Der VDA hält bis 2035 den Verlust von rund 225.000 Jobs in Deutschland für möglich.
- Laut einer Studie von Allianz Trade brechen die Investitionen der europäischen Autobauer 2026 um rund ein Fünftel ein, so stark wie seit 2018 nicht mehr. Als Ursachen nennen die Autoren falsche Kapitalverteilung und verspätete Digitalisierung.
Verspätete Digitalisierung. Da ist es wieder, das Lieblingsthema. Volkswagen hat in seine Softwaretochter Cariad rund zwölf Milliarden Euro gesteckt und dafür vor allem Verzögerungen bekommen. Die Lösung: ein Joint Venture mit dem US-Start-up Rivian, Volumen 5,8 Milliarden Dollar, Hauptsitz Palo Alto. Europas größter Autokonzern hat sein Softwareproblem also gelöst, indem er es nach Kalifornien verschickt hat. Laut Manager Magazin knirscht es aber auch dort schon: Mehrere Audi-Elektromodelle sollen auf 2028 gerutscht sein, Porsches großes SUV K1 auf unbestimmte Zeit.
Man muss das fair einordnen. Europäische Hersteller können sehr wohl beeindruckende Autos bauen. Ferrari, Porsche oder Bentley verdienen seit Jahrzehnten gutes Geld mit kleinen Stückzahlen und hohen Preisen. Genau dort wird der Roadster antreten, etwa gegen Ferraris elektrischen Luce für rund 550.000 Euro. In der Nische kann Europa mithalten. Das Problem liegt eine Etage tiefer: bei der Software, bei den Kosten und bei der Geschwindigkeit, mit der Ideen auf die Straße kommen.
Die Botschaft des Abends
Der Roadster zeigt weniger, dass Autos bald fliegen. Er zeigt, was passiert, wenn ein Unternehmen Technik aus einem völlig anderen Feld einfach übernimmt, statt sie in Gremien zu zerreden. SpaceX-Düsen in einem Sportwagen sind am Ende eine Frage der Unternehmenskultur, nicht der Physik.
China beantwortet dieselbe Frage mit Tempo und Masse. Europa beantwortet sie bislang mit Studien, Sparprogrammen und Partnerschaften in Übersee. Keine dieser drei Antworten ist automatisch die richtige. Aber nur eine davon sorgt gerade für Stellenabbau.
Und dann ist da noch eine kleine Pointe, die in der Aufregung fast untergeht: Tesla will den Roadster zum letzten eigenen Auto machen, das ein Mensch selbst lenkt. Danach soll alles autonom fahren. Tesla verabschiedet sich also mit einer Fassrolle vom Selberfahren. Europa hat das Selberfahren noch lange nicht hinter sich gelassen, nur die eigene Software. Die sitzt jetzt in Palo Alto.
Foto: Tesla
Quellen:
- Stuttgarter Nachrichten
- Blick
- 20 Minuten
- ZDFheute
- heute.at
- The Next Web
- Carscoops
- DriveSpark
- AUTO BILD
- eletric-vehicles.com
- BigGo Finance
- Gulf News
- Invezz
- Soapcentral (Porsche Mission S)
- auto motor und sport (ACEA-Zahlen)
- electrive (Aridge)
- Ground News / Reuters (Xpeng)
- futurezone (Yangwang U9 Xtreme)
- ifo Institut
- automobil-produktion.de
- finanznachrichten.de (Allianz Trade)
- Industriemagazin (Cariad/Rivian)
- Automotive World (Manager Magazin)
16.10.2026
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